Der Grat ist schmal

Kommentar27. Juni 2014, 20:34
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Weltkriegsgedenken und Ukraine-Krise zeigen, wie fragil Europas Friedensprojekt ist

So schnell kann es gehen: Zu Jahresbeginn sagte der US-Historiker Timothy Snyder bei einer vom STANDARD mitveranstalteten Diskussion im Wiener Burgtheater über 1914 und die Folgen: Die wahre, bedrohliche Konfrontation spiele sich derzeit in der Ukraine ab. Es gebe eine Auseinandersetzung zwischen der "soft power" der EU und der von Russlands Präsident Wladimir Putin forcierten "hard power" alter nationalistischer Prägung. Damals, das ist erst sechs Monate her, wurde in der Ostukraine noch nicht geschossen, die Krim war Teil des Landes. Inzwischen gibt es mehr als 400 Tote, und die EU hat bei ihrem Gipfeltreffen am Freitag Russland ein Ultimatum gesetzt.

Dass es zu diesen Auseinandersetzungen in der und um die Ukraine just im aktuellen Jahr kommt, in dem des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs gedacht wird, führt zu Debatten über Parallelen, die nicht nur von Historikern geführt werden. Zudem jährt sich heuer der Fall des Eisernen Vorhangs und der Berliner Mauer zum 25. Mal.

Gedenktage und -veranstaltungen bieten die Gelegenheit innezuhalten. Es ist ein wichtiger symbolischer Akt, dass die Staats- und Regierungschefs der 28 EU-Staaten ihren Streit über die Nominierung von Jean-Claude Juncker kurz beiseitegestellt haben, um in Ypern der mehr als acht Millionen Gefallenen des Ersten Weltkriegs zu gedenken. Denn, wie der australisch-britische Historiker Christopher Clark in seinem Buch Die Schlafwandler schrieb, keiner der damaligen Herrscher wollte dem Krieg aus dem Weg gehen, man stolperte gleichsam in die Schlacht. Auslöser war überbordender Nationalismus. Wohin Imperialismus, Militarismus und Nationalismus führen, sollte denjenigen, die heute für Geschicke von Staaten Verantwortung tragen, Mahnung sein.

Der Erste Weltkrieg hat nicht nur die Gewichte zwischen den großen europäischen Akteuren Deutschland, Österreich-Ungarn, Frankreich, Russland und Großbritannien neu verteilt. Er hat in Mittel- und Osteuropa auch neue Staaten entstehen oder wiedererstehen lassen. Die Gründung der EU geht zwar unmittelbar auf die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs zurück, ist aber auch eine der Lehren aus dem ersten Weltbürgerkrieg. Das vollkommene Fehlen eines europäischen Konzerts war eine grundlegende Voraussetzung für den Ausbruch, ist der Historiker Clark überzeugt.

Dass Clark auch den Serben eine Mitschuld zuweist, sorgte für heftige Reaktionen in dem Land. Es sind aber Wunden des zeitlich näher liegenden Balkankriegs, die dazu führen, dass die serbischen Vertreter am Samstag der Gedenkfeier in Sarajevo, bei der der Ermordung von Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 und der Folgen gedacht wird, fernbleiben. Diese Konflikte zeigen, dass in Europa Kriegserfahrungen noch ganz frisch sind.

Dass andere Balkanstaaten nach Slowenien und Kroatien in die EU streben, zeugt von der Anziehungskraft dieses Projekts. Die EU wird trotz Defiziten als gemeinsamer Raum von Freiheit, Demokratie, Recht und Sicherheit wahrgenommen. Das friedliche Zusammenspiel souveräner Staaten muss aber immer wieder neu erarbeitet und gesichert werden.

Die Ukraine-Krise und die Drohung Russlands nach dem am Freitag abgeschlossenen Assoziierungsabkommen der EU mit Georgien, Moldau und der Ukraine zeigen: Der Grat zwischen Frieden und Krieg ist schmal, die Blockkonfrontation der Zeit des Kalten Kriegs kann rasch wieder aufleben. (Alexandra Föderl-Schmid, DER STANDARD, 28.6.2014)

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