"Das Attentat ist gescheitert"

27. Juni 2014, 17:30
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100 Jahre nach den Todesschüssen von Sarajevo zeigt sich, dass manche Gräben noch immer nicht überwunden sind

Wenn der Princip den Franz Ferdinand nicht erschossen hätte, dann wäre das hier ein zweites Österreich - und du und ich hätten gleiche Lebensbedingungen", ist mein Friseur Jasmin M. überzeugt. Und mein Bosnischlehrer Mustafa Niksic, der auch als Touristenguide jobbt, findet das Gedenkjahr ganz pragmatisch gut: "Es kommen Touristen, die Sarajevo nur mit dem Attentat verbinden. Doch wenn sie da sind, dann kann man ihnen die wirklich schönen Sachen zeigen."

Der politische Analytiker Damir Arsenijevic wiederum verweist darauf, dass die Art und Weise, wie fremde Länder in Bosnien-Herzegowina den 100. Jahrestag des Attentats auf den k. u. k. Thronfolger begehen, bloß bestätige, dass "der Kolonialismus noch präsent" ist. Bosnien-Herzegowina sei ein Symptom für die Unfähigkeit in Europa, über Ungleichheit nachzudenken. "Die Art, wie das Gedenken organisiert ist, zeigt, dass das Attentat gescheitert ist", so Arsenijevic. Tatsächlich muss Sarajevo in diesen Tagen vor allem als Bühne herhalten. Was die Leute heute beschäftigt - Arbeitslosigkeit und Armut -, das ist kein Thema.

Gedenkkonzert der Wiener Philharmoniker

Zum Gedenkkonzert der Wiener Philharmoniker in der neu eröffneten Vijecnica - dem alten, von den Österreichern erbauten Rathaus in Sarajevo - kommen Bundespräsident Heinz Fischer, aber auch Josef Pröll und Christian Konrad. Um die 330 Karten gab es ein "Griss".

Auf Initiative Österreichs wird hingegen kein einziger EU-Vertreter bei den serbischen Parallelveranstaltungen in Andricgrad in der Republika Srpska (RS) anwesend sein; denn trotz großer Bemühungen war es nicht gelungen, einen serbischen Vertreter nach Sarajevo zu holen. Grund dafür ist nicht nur die unterschiedliche historische Wahrnehmung, sondern auch - aktueller - die Instrumentalisierung des Bosnienkrieges (siehe Artikel unten).

In Sarajevo war man vor allem gespannt auf den Multimedia-Event Ein Jahrhundert des Friedens nach einem Jahrhundert des Krieges mit 280 Künstlern unter Regisseur Haris Pasovic. Er findet am Attentatsort statt; auf einer Bühne, die über die Lateiner-Brücke gebaut wurde. Diese war in jugoslawischer Zeit nach Princip benannt.

Blumentöpfe, Balkone und Kinofilme

So wie damals zum Besuch von Franz Ferdinand wird auch diesmal die Straßenbahn nicht fahren. Damals war es auch verboten, auf den "Dächern herumzulungern" und an den Fenstern zu sitzen. Man durfte keine Blumentöpfe ans Fenster stellen, nicht auf Bäume klettern, und es sollten sich nur so viele Leute auf die Balkone setzen, wie diese auch tragen könnten. Am Tag des Attentats wurde im Imperial-Kino Die Welt ohne Männer und im Apollo Der Schuss um Mitternacht gezeigt. Dies alles erfährt man in der sehr sehenswerten Weltkriegsausstellung im Historischen Museum.

Dort steht der Mensch im Mittelpunkt: Bittbriefe bosnischer Bauern, nicht eingezogen zu werden, schmerzhaft genaue Beschreibungen vom Grauen an der Front. Aber auch Propaganda über den "Heldentod für Herrscher und Vaterland".

Bei der Konferenz "Die langen Schüsse von Sarajevo", die auch von Österreich unterstützt und mit EU-Geldern finanziert wird, geht es um Erinnerungspolitik. Der Historiker Nicolas Moll untersucht, wie sehr Sarajevo 1914 die Wahrnehmung anderer Attentate (auf Serbiens König Aleksandar Karadjordjevic 1934, John F. Kennedy 1963 oder 9/11) beeinflusst hat; und ob das Attentat kriegsauslösend und weltverändernd war.

"Historische Verantwortung"

Der Philologe Vahidin Preljevic will nicht nur den Imperialismus im Mittelpunkt des Forschungsinteresses sehen: "Auch sein Widerpart, der Ethnonationalismus, soll von historischer Verantwortung nicht ganz freigesprochen werden." Sarajevo sei die Urszene des neuen, jugoslawischen Staatsgebildes, das sich 1918 aus den Trümmern des Habsburger- und des Osmanischen Reiches unter serbisch-dynastischer Federführung formierte. Preljevic: "Nach Jahrhunderten imperialer Unterdrückung sollten die vereinigten Balkanvölker endlich als Subjekt die Bühne der Geschichte betreten. (Adelheid Wölfl aus Sarajevo, DER STANDARD, 28.6.2014)

  • Das Thronfolgerpaar wenige Minuten vor dem Attentat ...
    foto: ap

    Das Thronfolgerpaar wenige Minuten vor dem Attentat ...

  • ... und  unmittelbar danach die Festnahme eines Verdächtigen, möglicherweise  Gavrilo Princip.
    foto: ap

    ... und unmittelbar danach die Festnahme eines Verdächtigen, möglicherweise Gavrilo Princip.

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