Mit Glückskeksen gegen die Verrückten

27. Juni 2014, 17:16
36 Postings

Das erste Achtelfinale zwischen dem Gastgeber und den so ehrgeizigen Nachbarn von jenseits der Anden birgt einige Brisanz. Der brasilianische Coach stimmt die Seinen chinesisch ein. Sein chilenisches Gegenüber setzt auf Bewährtes. Also auf Verrücktes

Belo Horizonte - Oft sind - Quintessenz der Globalisierung - Weisheiten auch dann chinesisch, wenn sie aus England stammen. "Der Pessimist beklagt den Wind. Der Optimist hofft, dass er sich dreht. Der Realist rückt die Kerzen zurecht." So lehrte es der zum Katholizismus konvertierte Mathematiker und Theologe William George Ward (1812-1882).

Sprüche wie diese schiebt Luiz Felipe Scolari zu nachtschlafender Zeit unter die Türen in die Hotelzimmer seiner Kicker. Nicht ohne Neymar und seine Freunde mit selbst hinzugefügtem, neumodischem Manager-Einmaleins zu lehren, worum es nicht nur am Samstag im Estádio Mineirão zu Belo Horizonte gegen Chile geht. Sondern insgesamt, jetzt einmal bis zum Finale: "Bring mir keine Probleme, bring mir Lösungen!"

Auf so ein Glückskeks ist freilich bald einmal was geschrieben. Die Welt sieht dummerweise oft anders aus. Und wenn man Pech hat, sehr chilenisch. Das kann dann auch recht schnell ausarten. Lao-tse hilft gegen Verrückte nur in Ausnahmefällen.

Crazy

Jorge Sampaoli, der Coach der bisher durchaus fulminanten Chilenen - gegen die Niederlande hat man wohl etwas Kraft gespart für Belo Horizonte - hat diesen Verrücktheitskoeffizienten, den es für Überraschungen braucht.

Hunderte Kilometer reiste er nächtens schon quer durch den Kontinent, um seinen großen Lehrmeister zu beobachten, mit einem Gucker versteckt in einem Baum. Hätte Marcelo Bielsa, der Argentinier, der vier Jahre lang auch Chile gecoacht hat, einen Mönchsorden gegründet, Sampaoli hätte sich als Erster die Tonsur scheren lassen. Nein: als Zweiter, denn Pep Guardiola ist auch ein Adept des Mannes, den sie überall "el Loco" nennen, den Verrückten, in dessen Kopf nur das eine Platz findet. Im Vergleich dazu ist Scolari eine Art Buchhalter, wenngleich einer, der die Feinheiten des Finanzrechts in beiden kleinen Fingern hat. Und die raten ihm nicht nur zur Vorsicht, sondern auch zum Glückskeksschmäh, der, wo er nix nutzt, zumindest nix schad't.

Scolari steht ja - ganz abgesehen von der Ungeheuerlichkeit des medialen Gewurls rundherum - vor der merkwürdigen Herausforderung, das allzeitbeste Team zur vielbeschworenen Hexa, zum sechsten Titel, zu führen. Muss sich dabei aber im Grunde stets einen neuen Gag für die ziemlich ausrechenbare One-Man-Show einfallen lassen.

Breit, aber nicht tief

Würde Neymar sich überknöcheln - eine absolute Katastrophe. Breit mag er ja sein, der Kader der zum Siegen verdammten Gastgeber. Tief allerdings ist er nicht. Luiz Gustavo, Oscar, Fred - Neymars sind das alle nicht. Was diese auf den Spitz zugeschnitzten Spielanlagen bringen, haben Portugal mit Ronaldo und Italien mit Pirlo eindrucksvoll vorgeführt. Und das wird auch dem argentinischen Trainerstab unter Alejandro Sabella noch einiges Kopfzerbrechen machen.

Chile hat dieses Problem nicht. Von Goalie Claudio Bravo über Juves Arturo Vidal bis zu Barças Alexis Sanchez sind die von jenseits der Anden ein Kollektiv, das brav den verrücktesten Trainerideen zu folgen gelernt hat. Gegen Spanien - Zangler vorm zusehends genervteren Herrn - war hohes, risikobereites Pressing angesagt, und Ballannehmerzuwesteigen sowieso und, klar: umschalten, umschalten, umschalten. Ein-Mann-Mannschaften fahren zuweilen noch mit der knüppelbetriebenen H-Schaltung. Mannschaften wie Chile betätigen den Kippschalter am Lenkrad und haben im Idealfall auch Traktionskontrolle.

Dazu brauchen sie allerdings das optimale Setup von der Box. Was umgekehrt Teams wie das chilenische, das so sehr vom peniblen, zielgenauen Entwerfen feinster taktischer Hinterfotzigkeiten lebt, besonders spionageanfällig macht. Wie zufällig kreiste denn auch ein Helikopter über dem Trainingsgelände. Der brasilianische TV-Sender Globo filmte die Übungen. Die Spieler nahmen es gelassen, Midfielder Mauricio Isla witzelte artig: "Wir haben versucht, ihn mit dem Ball zu treffen. Haben wir aber nicht geschafft." Sampaoli dagegen unterbrach das Training erbost und drohte, bei den Pressekonferenzen keine brasilianischen Journalisten mehr zu dulden. In Nullkommanix war der Hubschrauber weg. So etwas nennt man eine verbale Boden-Luft-Rakete.

Chiles Ruf

Die aber auch einen zweiten, defensiven Sprengkopf hat. Brasilianische Medien erinnern dieser Tage ausführlich an jenen schwarzen Tag im August 1989, als während eines Quali-Matches für die Novanta in Italien nach einem Leuchtraketeneinschlag im Rasen des Maracanã Chiles Tormann Roberto Rojas blutig vom Platz musste. Tags darauf gestand Rojas, sich die Wunde mit einer vorsorglich mitgebrachten Rasierklinge selbst beigebracht zu haben. Schon 1962, bei der Heim-WM, haben sie sich einschlägig betätigt. Beim Halbfinale gegen Brasilien "haben sie auf alles eingetreten, was sich bewegt hat", erinnert sich Pelé.

Über sowas und sowas Ähnliches wacht am Samstag aber der strenge Engländer Howard Webb. Der hat auch Glückskekse in die Zimmer der Spieler geschoben. Auf deren Zetteln steht: "Macht keine Probleme, denn ich bin die Lösung!" (sid, wei, DER STANDARD, 28./29.06.2014)

Technische Daten und mögliche Aufstellungen:

Brasilien - Chile (Samstag, 18.00 Uhr MESZ, Belo Horizonte, Estadio Mineirao, SR Howard Webb/GBR)

Brasilien: 12 Julio Cesar - 2 Dani Alves (23 Maicon), 3 Thiago Silva, 4 David Luiz (13 Dante), 6 Marcelo - 5 Fernandinho, 11 Oscar, 17 Luiz Gustavo - 7 Hulk, 9 Fred, 10 Neymar

Ersatz: 1 Jefferson, 22 Victor - 13 Dante, 14 Maxwell, 15 Henrique, 23 Maicon, 16 Ramires, 8 Paulinho, 18 Hernanes, 19 Willian, 20 Bernard, 21 Jo

Teamchef: Luiz Felipe Scolari

Chile: 1 Bravo - 17 Medel, 5 Silva, 18 Jara - 4 Isla, 10 Valdivia, 8 Vidal, 21 Diaz, 2 Mena - 11 Vargas, 7 Alexis Sanchez

Ersatz: 12 Toselli, 23 Herrera - 20 Aranguiz, 3 Albornoz, 6 Carmona, 9 Pinilla, 16 Gutierrez, 13 Rojas, 14 Orellana, 15 Beausejour, 19 Fuenzalida, 22 Paredes

Teamchef: Jorge Sampaoli (ARG)

  • Alexis Sánchez ist in der chilenischen Elf wie auch bei Barça nur einer der Stars.
    ap/fernandes

    Alexis Sánchez ist in der chilenischen Elf wie auch bei Barça nur einer der Stars.

Share if you care.