Die verschwundene Präsidentin

27. Juni 2014, 17:20
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Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff meidet nach dem Eröffnungseklat die Stadien - der Fußball verliert an Symbolkraft 

Die Eröffnungsfeier der WM geriet für Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff zu einem politischen Fiasko. Als ihr Name im Stadion Iataquerão in São Paulo eingeblendet wurde, brach ein Pfeifkonzert los. Schmähgesänge und Pöbeleien folgten. Rousseff saß wie versteinert neben Fifa-Chef Joseph Blatter. Erst Tage später äußerte sie sich. Da wurde deutlich, wie tief getroffen die Staatschefin war. "Ich habe in meinem Leben schon größere verbale und physische Aggressionen überstanden", sagte sie bitter. Rousseff wurde 1970 während der Militärdiktatur inhaftiert und gefoltert.

Die Nation ist gespalten. Die Beschimpfungen hätten jede Grenze von zivilisiertem Verhalten überschritten, sagte der politische Analyst Kennedy Alencar. Das habe nichts mehr mit der berechtigten Kritik zu tun. Auch Ex-Präsident Luiz Inácio Lula da Silva ereiferte sich: "Das war nicht nur aggressiv gegenüber der Präsidentin, sondern gegenüber dem gesamten brasilianischen Volk."

In der Ferne

Rousseff hat ihre Konsequenzen aus dem Vorfall gezogen und zeigte sich nur noch einmal bei einem WM-Spiel. Auch beim Achtelfinale zwischen Brasilien und Chile am Samstag wird die Staatschefin wohl nicht dabei sein. Wo und ob Rousseff die Spiele anschaut, wird nicht mitgeteilt.

Fußball und Politik waren in Brasilien immer eng verwoben. Lula da Silva ließ keine Gelegenheit aus, um mit Fußballbildern an den Stolz der Nation zu appellieren. Doch während der WM scheint der Fußball seine politische Symbolkraft verloren zu haben. Selbst Rousseffs Kontrahenten sind vorsichtig und meiden den Gang ins Stadion. Ihr sozialliberaler Herausforderer für die Wahlen im Oktober, Aécio Neves, stellte Bilder ins Netz, die ihn während des Eröffnungsspiels daheim auf dem Sofa zeigen. Und der linksgerichtete Präsidentschaftskandidat Eduardo Campos postet lediglich ein privates Foto mit Ex-Nationalspieler und Kongressmitglied Romário.

Dezent

Nur über Twitter taucht die Staatschefin gelegentlich auf und gratuliert der Selecão zu den Siegen. Ihre Botschaft wirkt wenig enthusiastisch, eher wie eine Regierungserklärung. Brasilien habe den Pessimismus überwunden, schreibt sie und erinnert nochmals an die Zeit der Militärdiktatur. Oppositionelle hätten damals vor der Frage gestanden, ob sie für die Nationalelf jubeln sollten, oder ob dies die Diktatur unterstützen würde. "Aber ich hatte niemals Zweifel", betont die 66-Jährige. "Als die Spiele begannen, haben wir alle, im Gefängnis und außerhalb, für die Seleção gefiebert", betont Rousseff und fügt hinzu: "Denn der Fußball steht über der Politik." (Susann Kreutzmann, DER STANDARD, 28./29.06.2014)

  • Rousseff und Blatter vor der WM.
    foto: ap/peres

    Rousseff und Blatter vor der WM.

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