Osteuropa und Russland 25 Jahre nach der "Wende"

27. Juni 2014, 16:59
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Der Veränderungsprozess weltgeschichtlichen Ausmaßes blieb unvollendet. Während sich Osteuropa in Richtung Demokratie entwickelt, rutscht Russland zurück ins Autoritäre

Im Frühsommer vor 25 Jahren begann ein weltgeschichtlicher Prozess, der ungeheure Veränderungen in Europa brachte, aber unvollendet blieb: Das Sowjetreich brach zusammen, Osteuropa emanzipierte sich von der kommunistischen Diktatur, auch in der Sowjetunion stürzte der Kommunismus. Aber während in Osteuropa die Entwicklung im Großen und Ganzen in Richtung Demokratie, Freiheit und Wohlstand ging, verharrte Russland lange Jahre in einem Zustand der Desorientierung und fällt derzeit mit zunehmender Geschwindigkeit in ein rückständiges, autoritäres Regime zurück.

Das Jahr 1989: Es begann mit Polen, wo die Kommunisten aus Schwäche halbfreien Wahlen zustimmten und fortan keinen Fuß mehr auf den Boden bekamen. In Ungarn lockerte die KP-Führungsschicht den Griff aus Einsicht in die eigene Unfähigkeit. Dann folgten im Herbst die DDR und die Tschechoslowakei. Dann (blutig) Rumänien. Es war eine Lenin'sche revolutionäre Situation - nur gegen den Leninismus: Die Beherrschten wollten nicht mehr so weitermachen, die Herrschenden konnten es nicht mehr. Auch in Russland wurde dann Gorbatschow, der das Unreformierbare reformieren wollte, von Jelzin abgelöst, der die KP für illegal erklärte und die UdSSR auflöste.

An dieser Stelle werden sich etliche hinsetzen und ein Posting mit der Überschrift "Kalter Krieger!" abfeuern. Mit manchen alten und jungen Fans der "russischen Demokratur" (Manager Siegfried Wolf) kann man über das nicht wirklich diskutieren. Sie leben auf einem anderen Planeten (oder sie gehören zu den "Putin-Trollen"). Aber viele, vor allem Jüngere, meinen ehrlich, dass die Sowjetunion/Russland doch etwas für sich hatte/habe - und sei es als Gegengewicht zu den dominierenden, kapitalistisch rücksichtslosen USA.

Die USA heute sind ein eigenes Kapitel, das wir jetzt hier auslassen. Aber als jemand, der sich mit dem sogenannten "Ostblock" in den 80er- und 90er-Jahren fachlich auseinandergesetzt hat und heute noch die Entwicklung genau verfolgt, kann ich nur sagen:

Dieses Sowjetreich war eine Mischung aus brutal und lächerlich und armselig, wie man sich das heute kaum mehr vorstellen kann. Brutal: politische Verfolgung mit Folter, Tod und Lagerhaft in gewaltigem Ausmaß, mit flächendeckender Bespitzelung bis in die kleinste private Nische hinein. Lächerlich: die ständige Behauptung von Siegen und Erfolgen ("Arbeiterparadies"), obwohl jeder oberflächliche Augenschein die Rückständigkeit und Armseligkeit des Lebens in diesem System zeigte.

Das Einzige, was in der Sowjetunion wirklich funktionierte, war der KGB. Deshalb ist auch heute ein Ex-KGBler in Russland der Machthaber. In den kommunistischen Ländern Osteuropas wie Polen, Ungarn, der Tschechoslowakei ist der Kommunismus früher zusammengebrochen als in der UdSSR - weil es dort keine Rohstoffe gab, von denen Putin heute noch lebt, dafür andere Möglichkeiten, zu vergleichen, wie ungleich besser und freier man im Westen lebte. In Osteuropa hat sich die "Wende" gehalten, wenn es auch bedenkliche Entwicklungen etwa in Ungarn gibt. Russland ist jedoch zurückgerutscht zurück ins Autoritäre - und ins außenpolitisch Aggressive. Das wird die neue Herausforderung für Europa. (Hans Rauscher, DER STANDARD, 28.6.2014)


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