Juli 1914 - die verhallte Warnung an die Söhne

Kommentar der anderen27. Juni 2014, 16:32
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Der Zweite verstellt die Sicht der Nachgeborenen auf den Ersten Weltkrieg. Zeitgenossen dagegen haben die Gräuel und Verbrechen in aller Deutlichkeit beschrieben, ihre Mahnungen aber fruchteten nicht

Vor wenigen Tagen fiel mir zufällig ein dünnes weißes Bändchen, das ich längst vergessen hatte, in die Hände: Juli 14 - Den Söhnen zur Warnung von Emil Ludwig. Erschienen 1929 in Berlin. Ist's möglich, dass die Großmächte Österreichs Recht anerkannt hatten, "dass es Serbien eine Lektion erteilen, Teile davon zeitweilig als Garantie für die Durchführung solcher Forderungen besetzen dürfe, die Serbiens Souveräni- tät nicht antasteten", dass aber Österreichs Außenminister Graf Berchtold (und nicht nur er) entschlossen waren, Serbien selbst um den Preis eines Weltkrieges zu vernichten? Ist's denkbar, dass Berchtold Franz Joseph am 26. Juli eine Kriegserklärung zur Unterschrift vorlegte, in der von einem serbischen Angriff auf ein österreichisches Schiff die Rede war, der Krieg habe demnach bereits begonnen, und den Kaiser später wissen ließ, die Nachricht vom Gefecht sei nicht bestätigt worden und er habe den betreffenden Satz daher wieder gestrichen?

Wie passt es in unser Geschichtsbild, dass die serbische Regierung auf die Forderungen des österreichischen Ultimatums eingegangen war, die verbündeten Deutschen dies aber erst nach Tagen erfuhren? Dass in Österreich, Deutschland, Russland die Militärs Krieg führen wollten, dass sie in Deutschland den Kaiser und in Russland den Zaren, die im allerletzten Moment doch noch den Frieden retten wollten, und dass die Österreicher alle überspielten? Kaiser Wilhelm, der endlich erfährt, dass die Serben nachgegeben haben: "Das ist mehr, als man erwarten konnte! Ein großer moralischer Erfolg für Wien; aber damit fällt jeder Kriegsgrund fort ... Daraufhin hätte ich niemals Mobilmachung befohlen!" Der Zar, der den Befehl zur Mobilmachung zurücknehmen möchte, "bleich, mit stockender Stimme" zu seinem Außenminister: "Bedenken Sie, dass es sich darum handelt, tausende und abertausende Menschen in den Tod zu schicken!" Der Minister braucht eine Stunde, um ihn zu überreden.

Frischer Zorn

Kann das alles, und einiges mehr, so wahr sein? Ich besorgte mir also das Werk Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburgermonarchie von Manfried Rauchensteiner und konnte nicht mehr aufhören zu lesen. Ein Meisterwerk großer Geschichtsschreibung! Doch der Impuls, die ganze Wahrheit zu erfahren, kam von einem populären, dabei aber seriösen Autor der Zwischenkriegszeit mit dem frischen, noch nicht von den Naziverbrechen und dem Zweiten Weltkrieg überlagerten Zorn und seiner Empörung über das von den verantwortlichen Akteuren im Jahre 1914 an der Menschheit begangene Verbrechen. So arbeiten ein Journalismus und die Wissenschaft, leidenschaftliche Stellungnahme und penible historische Detailarbeit, einander in die Hände.

Emil Ludwig verwertete die bereits damals zugänglichen Quellen. Es ist schon erstaunlich, wie genau er vor 85 Jahren den Ablauf der Ereignisse im Juli 1914 nachzeichnete und in wie wenigen Einzelheiten ihn die Geschichtswissenschaft heute korrigiert. Ludwig überschätzte allerdings die Handlungsfreiheit der österreichischen Minister. Rauchensteiner relativiert zwar die Ansicht, dass Franz Joseph bereits am 3. Juli zum Krieg entschlossen war und durchaus "von einem großen Krieg auch gegen Russland ausging". Er arbeitet aber überzeugend heraus, dass der Kaiser, als er am 7. Juli wieder nach Ischl fuhr, seinem absolutistischen Regierungsverständnis entsprechend die Entscheidung für den Krieg bereits höchstpersönlich getroffen hatte, aber die Einzelheiten seinen Untergebenen überließ: "Da brauchte es keine Beratungen mehr, an denen er persönlich mitwirkte ..."

Ludwig fokussierte den Blick ausschließlich auf den Juli 1914. Bei dem kürzlich von der Historikerin Tamara Scheer geforderten Forschungsprojekt über die österreichischen Kriegsverbrechen im Ersten Weltkrieg (Standard, 18./19. Juni) könnten Fakten ans Licht kommen, die der Monarchie-Nostalgie gar nicht gefallen werden. Eine Ahnung von den Schrecklichkeiten, die nie aufgearbeitet wurden, vermittelt etwa Rauchensteiners Erwähnung der Folgen, mit denen Kommandanten rechnen mussten, die "entgegen den Erwartungen von Vorgesetzten Milde gezeigt oder auch nur die Freisprüche von Militärgerichten respektiert hatten".

Welche Verbrechen verbergen sich hinter einem solchen Satz? Die Brutalitäten der k. u. k. Armee auf den östlichen Kriegsschauplätzen des Ersten Weltkrieges reichen in mehr als nur einem Fall an die der deutschen Wehrmacht im Zweiten heran, selbstverständlich abgesehen vom Holocaust. Dörfer wurden niedergebrannt, Geiseln genommen, tausende Zivilisten als "Spione" aufgehängt. Bilddokumente zeigen ganze Alleen Erhängter aller sozialen Schichten. Offenbar waren diese Verbrechen nicht das Ergebnis einer sich im Krieg aufschaukelnden Bestialität, sondern, ebenso wie 25 Jahre später die von Hitlers Wehrmacht, von Kriegsbeginn an befohlen. Franz Josephs Versuch, sie zu unterbinden, zeitigte nur geringe Wirkung.

Ludwigs Warnung an die Söhne war vergeblich. In der Nacht des 10. Mai 1933 saß er mit Erich Maria Remarque in Ascona am Radio. Sie hörten den Nazireden und dem Knistern der Flammen bei der öffentlichen Verbrennung ihrer Bücher bei der großen Bücherverbrennung in Berlin zu, öffneten eine Flasche Rheinwein und tranken auf eine bessere Zukunft. (Hellmut Butterweck, DER STANDARD, 28.6.2014) 

Hellmut Butterweck (Jahrgang 1927) ist Autor und Journalist.

siehe auch: Ein neuer Blick auf den Ersten Weltkrieg

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