Ein neuer Blick auf den Ersten Weltkrieg

Kommentar der anderen27. Juni 2014, 16:37
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Der Große Krieg war nicht nur entscheidend für den weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts, er wirkt auch heute nach: Sein Erbe reicht vom Sozialstaat bis zu den gegenwärtig im Nahen Osten tobenden Kriegen

Der Große Krieg von 1914 bis 1918 hat in den letzten Wochen und Monaten überraschend große Aufmerksamkeit erfahren. Man hatte wohl damit gerechnet, dass sich das öffentliche Interesse auf ein paar politische Gedenkveranstaltungen beschränken werde, dazu einige Bücher, in denen aber kaum Neues zu finden sein werde.

Im deutschsprachigen Raum zumal (siehe auch: Juli 1914 - die verhallte Warnung an die Söhne, DER STANDARD, 28.6.2014) war der Erste Weltkrieg durch den Zweiten Weltkrieg überlagert, der hier - im Unterschied zu Frankreich und Großbritannien - sehr viel mehr Opfer gefordert hatte als der Krieg von 1914 bis 1918. Wie eine Blickschranke lag in der Retrospektive der Zweite vor dem Ersten Weltkrieg. Dass ein bald ein Jahrhundert zurückliegendes Ereignis größere Beachtung finden und kontroverse politische Diskussionen auslösen würde, war kaum zu erwarten.

Zu dieser geschichtspolitischen Großwetterlage kam die Struktur individueller wie kollektiver Erinnerung: Zeitzeugen, die Authentisches hätten berichten können, gab es keine mehr, und im Leben der jetzt in Politik und Wissenschaft dominierenden Generatio-nen hatte der Erste Weltkrieg keine Rolle mehr gespielt. Dass die Beschäftigung mit dem Ersten Weltkrieg, wie sie sich inzwischen entwickelt hat, keine antiquarische Veranstaltung geworden ist, sondern unmittelbare Gegenwartsfragen betrifft, bedarf genauerer Betrachtung. Vier Aspekte sind dabei hervorzuheben.

Als Erstes ist da die Beobachtung, dass der Krieg für den weiteren Verlauf des Jahrhunderts entscheidend war: Ohne ihn wären weder Mussolini noch Hitler, weder Lenin noch Stalin an die Macht gekommen, und die europäische Geschichte hätte einen anderen Verlauf genommen. Das betrifft nicht nur den Umstand, dass einige zig Millionen Menschen keines gewaltsamen Todes gestorben wären, sondern auch die soziale und kulturelle Entwicklung des Kontinents wäre anders verlaufen. Der Krieg war ein tiefer Einschnitt im kulturellen Selbstverständnis der Europäer und hat eine intellektuelle wie künstlerische Auseinandersetzung mit Gewaltgebrauch und Waffeneinsatz hervorgebracht wie kein Krieg davor und danach - auch nicht der Zweite Weltkrieg.

Staat als Versorger

Auch in sozialpolitischer Hinsicht wurde der Erste Weltkrieg zum tiefen Einschnitt: Der Staat, der vielen Familien den Ernährer weggenommen oder ihn als hilflosen Krüppel zurückgegeben hatte, musste nun selbst die Aufgaben des Versorgers übernehmen. Dass er dies oft mehr schlecht als recht tat, war, auf längere Sicht gesehen, nicht entscheidend. Ausschlaggebend war vielmehr, dass im Verlauf des Krieges neue Steuern eingeführt worden waren, die zunächst der Kriegsfinanzierung gedient hatten und nun, nach Kriegsende, nicht wieder verschwanden, sondern zur Finanzierungsbasis des Sozialstaats wurden.

Die im Krieg eingeübten Solidaritätszumutungen wurden in Friedenszeiten fortgeschrieben, zunächst begrenzt auf die Bewältigung der Kriegsfolgen, nach einiger Zeit unabhängig davon. Das Erscheinungsbild der Herrscherauftritte täuscht: Gemessen an heutigen Konstellationen war der Staat vor 1914 ein überaus schlanker Staat. Den Umfang, den der Staat kriegsbedingt gewonnen hatte, hat er nie mehr abgegeben.

Die zweite Beobachtung zu den fortdauernden Kriegsfolgen betrifft die politische Ordnung Mittel- und Osteuropas sowie die des Nahen und Mittleren Ostens: Infolge des Krieges gingen die multinationalen und multireligiösen Großreiche unter, die diese Räume zuvor organisiert hatten, und an deren Stelle ist nicht überall eine stabile Ordnung getreten. Im Gegenteil: In einigen der postimperialen Räume nahmen die ethnischen Konflikte und religiösen Auseinandersetzungen an Intensität noch zu, und wir stehen heute vor der unbeantworteten Frage, wie der Raum zwischen Balkan und Kaukasus dauerhaft stabilisiert werden kann und welche Ordnung Syrien und dem Irak Frieden und Prosperität zu bringen vermag.

Fast alle Kriege dieser Räume haben damit zu tun, dass sich die nach dem Ersten Weltkrieg dort errichteten Ordnungen als wenig dauerhaft erwiesen haben. So ist in den aktuellen Kriegen an der europäischen Peripherie der Schatten des Ersten Weltkriegs wieder aufgetaucht.

Die im zurückliegenden Europawahlkampf immer wieder zu hörende Mahnung, wonach die Europäische Union bei allen Fehlern und Schwächen doch dafür gesorgt habe, dass Europa nunmehr die längste Friedensperiode seiner Geschichte erlebe, macht, so die dritte Beobachtung, nur Sinn, wenn sie nicht auf den Zweiten, sondern auf den Ersten Weltkrieg bezogen ist. Hitler und seinesgleichen hätten sich durch ein System der Konsultationen und Kontakte nicht aufhalten lassen. Aber den Kriegsausbruch von 1914 hätten die heutigen institutionellen Arrangements wohl verhindern können - jedenfalls dann, wenn man die unglückliche Verkettung von Zufällen und Missverständnissen im Juli 1914 ins Zentrum der Kriegsursachenanalyse stellt.

Die jüngere Forschung zum Kriegsausbruch hat gezeigt, dass der Krieg keineswegs unvermeidbar war, wie man lange angenommen hat. Weder die Mächtekonkurrenz noch das Wettrüsten, weder die Militarismen noch die Imperialismen der europäischen Großmächte haben den Krieg zwangsläufig hervorgebracht; er war das Ergebnis einer Reihe von Fehlern und Illusionen, und am meisten zum Kriegsausbruch beigetragen hat die bei einigen Akteuren anzutreffende Vorstellung, dass der Krieg sowieso kommen werde und es nur noch darum gehe, dass man ihn zu einem mehr oder weniger günstigen Zeitpunkt führe. 1914 hat der Fatalismus tatsächlich fatale Folgen gehabt.

Mit der Beobachtung der Fatalität des Fatalismus hat auch die Kriegsschulddebatte eine neue Wendung genommen: Kriegsschuld heißt, dass es einen identifizierbaren Akteur gibt, der den Krieg gewollt und auf ihn hingearbeitet hat. Den musste man identifizieren und daran hindern, abermals solches Unheil anzurichten. Was aber, wenn es diesen einen gar nicht gab, sondern eine Vielzahl von Akteuren schlafwandelnd oder zockend auf den Krieg zugegangen ist? Und jeder von ihnen geglaubt hat, er habe die Entwicklung unter Kontrolle? In der jüngeren Debatte über die Kriegsursachen ist ein sehr viel differenzierteres, aber auch komplexeres Bild entstanden, als es in der Vergangenheit vorgeherrscht hat. Das ist die vierte Beobachtung über die Gründe, warum die Beschäftigung mit dem Ersten Weltkrieg sich ganz anders entwickelt hat, als man dies noch vor einem Jahr annehmen konnte.

Jede Zeit betrachtet die Geschichte im Lichte ihrer eigenen Fragen und Herausforderungen. Das ist beim Ersten Weltkrieg nicht anders. Was uns heute, im Unterschied zu früheren Thematisierungen, auffällt, bei denen die Mächtekonflikte des europäischen Zentrums im Fokus der Aufmerksamkeit standen, ist die Bedeutung der Peripherie, konkret: des Balkans, wo die Lunte ans Pulverfass gelegt wurde.

Gefährliche Peripherie

Im Unterschied zu 1914 gibt es heute in der Mitte Europas keine Gegensätze, mit denen eine Kriegsgefahr verbunden ist. Aber instabile Ränder und Peripherien gibt es nach wie vor. Die Beschäftigung mit dem Sommer 1914 zeigt vor allem, dass diese scheinbar peripheren Konflikte nicht zu unterschätzen sind. (Herfried Münkler, DER STANDARD, 28.6.2014)

Herfried Münkler (Jahrgang 1951) ist Professor für Politikwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er ist Autor unter anderem von "Die neuen Kriege", "Die Deutschen und ihre Mythen", "Imperien" und zuletzt "Der Große Krieg. Die Welt von 1914 bis 1918" (erschienen bei Rowohlt, 2013). Letzteres gilt bereits als Standardwerk und brachte Münkler viel Applaus ein. In Wien diskutierte der Professor im Kreisky-Forum und zuletzt auf Einladung der deutschen und französischen Botschaft sowie des Heeresgeschichtlichen Museums über den Ersten Weltkrieg und dessen Folgen.

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