Selbstporträt als Pin-up, Braut oder Tanzbodenheld

27. Juni 2014, 17:15
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Die Schau "Self-Timer Stories" bringt Selbstdarstellungen heimischer Künstler aus der Fotosammlung des Bundes nach New York. Der emanzipatorische "Klick" feministischer Kunst fesselt vor dem Hintergrund heutiger Selfie-Sucht

Teenagergirls tun es, Politiker tun es und erst recht Hollywoodstars: Selfies. Das mit dem Smartphone geschossene Selbstporträt, 2002 als Begriff erfunden, zählt heute zu den zentralen Kommunikationsformen auf Social-Media-Plattformen. Interessanterweise rangiert laut Time Magazine die philippinische Finanzmetropole Makati City auf Platz eins der Selfie-Hot-Spots weltweit. Auf Rang zwei folgt Manhattan.

Insofern erscheint das Austrian Cultural Forum in New York prädestiniert für die Schau Self-Timer Stories, die mit Selbstauslöser produzierte Kunst zeigt. Das schmale Hochhaus des Kulturforums ist für Ausstellungen mäßig geeignet, aber dank des klugen Displays der Künstlerin Dorit Magreiter atmen die zwanzig gezeigten Positionen genügend Luft.

Unzählige Projekte zu Fragen der Identität, zu Maskerade, Doppelleben und Genderswitch waren in der letzten Dekade zu sehen. Kuratorin Felicitas Thun-Hohenstein erklärt, sie hätte daher in der Fotosammlung des Bundes nach "stilleren Arbeiten" gesucht, bei denen die Inszenierung nicht so sehr im Mittelpunkt steht. Ihre Aktualität erhält die Schau aber zweifellos durch die zeitgenössische Selfie-Konjunktur.

Männlichen Blick brechen

Während auf Facebook und Co gepostete Bilder in der Regel auf viele Klicks abzielen, blieben die Selbstbespiegelungen feministischer Künstlerinnen Anfang der 1970er-Jahre im Verborgenen. Birgit Jürgenssen fotografierte sich damals halbnackt in ihrem Badezimmerspiegel und unterwanderte so die Rolle des "angeblickten" Modells. Ähnlich ihre Kollegin Friedl Kubelka: Aus einem samtenen Etui lugt ihre Serie Pin Ups , für die sie in Reizwäsche und mit Kamera die Wirkung von Sexappeal reflektierte. Ihre Fotopraxis ritualisierte Kubelka bald per Konzept, lichtete sich 1972/73 täglich ab und schuf so das erste ihrer legendären "Jahresporträts".

Eine Entdeckung hat die Schau mit Renate Bertlmanns fulminanter Fotoserie Verwandlungen zu bieten: Zehn Jahre vor Cindy Shermans berühmten Film Stills deklinierte die Künstlerin 1969 Klischees weiblicher Attraktivität durch. Peter Weibel wiederum setzte sich mit einem aufgeklebten Lippenstiftmund für ein Selbstporträt als Frau in den Fotoautomaten.

Männliche Coolness à la Saturday Night Fever nahm Hans Weigand 1977 mit seiner witzigen Bildserie Discoboys aufs Korn, in der der Künstler Tanzbodenhelden verkörpert. Zwanzig Jahre später verwandelte Carola Dertnig ihr New Yorker Atelier in einen Dancefloor. Die Künstlerin tanzt vor einer Videokamera, die sie mittels Fernbedienung an- und abschaltet und so ihre Performance Dancing with remote gekonnt im Takt variiert.

Posieren als Nackedei

Die klassischen Selbstauslöser mit Kabel sind in der Schau übrigens nur bei Matthias Herrmann zu sehen, der unter anderem gemeinsam mit dem US-Künstler und Aids-Aktivisten AA Bronson als Nackedei den Knopf drückte.

Die obsessive Beschäftigung mit dem eigenen Abbild treibt Michaela Moscouw an, die in ihrer amateurhaft wirkenden Fotostory Kenwood von 2000 durch die Wälder streift. Wie sehen mich die anderen? US-Künstlerin Martha Wilson führte bei der Ausstellungseröffnung ihre Performance Selfportrait von 1973 wieder auf. Die Vernissagegäste wurden dabei aufgefordert, ihre Impressionen auf Kärtchen zu schreiben. Und wer wollte, dem stand die 68-jährige New Yorkerin auch für ein Selfie zur Seite. (Nicole Scheyerer, DER STANDARD, 28./29.6.2014)

Bis 8. 9.

Diese Reise fand auf Einladung des Austrian Cultural Forum in New York statt.

  • Ganz in Weiß: "Which Part of No" (1999) heißt diese Inszenierung von Matthias Herrmann.
    foto: matthias herrmann / museum der moderne salzburg

    Ganz in Weiß: "Which Part of No" (1999) heißt diese Inszenierung von Matthias Herrmann.

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