Alte strömen auf den Arbeitsmarkt

27. Juni 2014, 16:22
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Trotz demografischen Knicks soll das Reservoir an Arbeitskräften steigen. Ein Grund sind die bereits gemachten Pensionsreformen

Wien - Die in den vergangenen Jahren beschlossenen Einschnitte seien kaum mehr als Kosmetik und entfalteten wenig Wirkung: So lautet ein oft gehörtes Argument in der Pensionsdebatte - zuletzt verwendet von der ÖVP, die auf weitere Reformen drängt. Eine aktuelle Untersuchung des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo) zeichnet nun ein weitaus positiveres Bild. Demnach dürften die bisherigen Reformen entscheidend dazu beitragen, dass künftig deutlich mehr ältere Menschen auf dem Arbeitsmarkt bleiben als bisher.

Mehr Arbeitskräfte

Auf den ersten Blick sieht es für die heimische Altersversorgung düster aus: Während die Zahl der über 65-Jährigen massiv wächst, nimmt die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter laut Prognose ab 2020 ab. Das allein bringt das Pensionssystem noch nicht zwangsläufig ins Wanken. Entscheidend ist, welcher Anteil der Jüngeren tatsächlich im Beruf steht, um die Pensionen der Alten zu zahlen - und da birgt das neue, dem STANDARD vorliegende "Working Paper" eine erfreuliche Botschaft. Im Gegensatz zu bisherigen Prognosen, die ein schrumpfendes Reservoir an Arbeitskräften voraussagten, rechnen die Wifo-Experten bis 2030 mit einer (mäßigen) Zunahme des Arbeitskräfteangebots.

Als einen Grund nennen die Autoren Helmut Mahringer und Thomas Horvath eben die Eingriffe ins System: Strengere Kriterien für die Korridorpension sowie die Einschränkung von Invaliditätspension und Hackler-Frühpension erschweren den Zugang in den vorzeitigen Ruhestand. Das Pensionskonto setze überdies "starke Anreize" zum Weiterarbeiten - durch einen Aufschub des Pensionsantritts von 62 auf 65 Jahre erhöht sich der Altersbezug für den Einzelnen um real 30 Prozent.

Die Erwerbsquote der Männer im Alter von 55 bis 64 Jahren werde bis 2030 um 13 bis 14 Prozentpunkte steigen, so die vorsichtigste Prognose des Wifo. Bei den Frauen soll das Plus sogar 32 Prozent (55 bis 59 Jahre) beziehungsweise 22 Prozent (60 bis 64 Jahre) betragen, was damit zusammenhängt, dass das Regelpensionsalter für Frauen (derzeit 60 Jahre) ab 2024 stufenweise auf jenes der Männer (65 Jahre) angehoben wird. "Ob in der Zwischenzeit neue Schlupflöcher in die Frühpension geöffnet werden", sagt Autor Mahringer, "können wir aber natürlich nicht wissen."

Bildungsboom

Der zweite wesentliche Grund für den Anstieg: Es kommt nun jene Generation in die Jahre, die vom Bildungsboom der 60er- und 70er-Jahre profitiert hat. Mit dem Bildungsniveau steigt auch die Erwerbsbeteiligung - besonders in der Gruppe der Älteren.

Allerdings sei eine höhere Erwerbsquote nur die halbe Miete, gibt Mahringer zu bedenken: Wenig ist gewonnen, wenn die zusätzlichen Kräfte keine Jobs finden. Wer in Rehabilitation oder Arbeitslosigkeit landet, belastet zwar nicht unmittelbar das Pensionssystem, stützt es aber auch nicht mit Beiträgen - und verursacht dem Staat unter einem anderen Titel Kosten. Die Daten zeigen: In den letzten Monaten ist die Arbeitslosigkeit unter Älteren überdurchschnittlich gestiegen.

Die Integration älterer, mitunter gesundheitlich angeschlagener Menschen in den Arbeitsmarkt sei keine leichte Übung, sagt Mahringer und urgiert Maßnahmen, um Berufstätigkeit für diese spezielle Zielgruppe erträglicher zu machen - von der firmeninternen Arbeitseinteilung, die aufs Alter Rücksicht nimmt, bis zu technischen Hilfsmitteln, um Augen und Gelenke zu schonen. Um Unternehmen einen Anstoß zu geben, mehr für ihre betagte Belegschaft zu tun, hält Mahringer ein Bonus-Malus-System, wie es gerade für Konflikt in der Regierung sorgt, prinzipiell für ein taugliches Mittel. "Für Arbeitnehmer wurden die Anreize und Abschläge stark ausgebaut", sagt er, "auf der Seite der Betriebe hingegen ist vergleichsweise wenig passiert." (Gerald John, DER STANDARD, 28.6.2014)

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