Atomkraft für den türkischen Traum

Reportage29. Juni 2014, 09:00
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Im Fischerstädtchen Sinop am Schwarzen Meer wird eines der ersten Atomkraftwerke der Türkei gebaut. Der Regierung geht es um Energie und Prestige, die AKW-Gegner tun sich schwer

Der Ingenieur sammelt Kräuter und Blumen beim kurzen Gang hinunter zum Ufer. Lorbeer, Buchsbaum, Salbei. Sami Koç liebt diesen Landstrich, den nördlichsten Punkt der Türkei. Vier Reaktorblöcke will die Regierung hier hinstellen, 4,5 Gigawatt japanisch-französische Atomtechnologie. "Eine Krebsfabrik", sagt Koç. "Es wird sehr schwer sein, sie zu stoppen. Aber nicht unmöglich."

Die Japaner waren gerade hier, erzählen die Frauen, die den Leuchtturm auf der Halbinsel von Sinop bewirtschaften. Touristen werden es wohl nicht gewesen sein, wohl eher die Leute von Mitsubishi Heavy Industries. Zehn Autostunden von Istanbul, sechs von Ankara entfernt liegt das Städtchen Sinop an der Schwarzmeerküste, abseits der internationalen Urlauberrouten. Diogenes, der Philosoph der griechischen Antike, stammt von hier. Während des Kalten Kriegs lauschten die Amerikaner von Sinop aus in die Sowjetunion hinein.

Der Wald muss weg

Sami Koç hat Wasserwirtschaft an der kleinen Universität von Sinop unterrichtet, und als er in Pension ging, ist er auf der Halbinsel geblieben und hat ein Haus im Grünen gebaut. Jetzt fahren täglich drei bis vier Lastwagen beladen mit Baumstämmen an seinem Haus vorbei, erzählt er. Die Regierung lässt schon den Baugrund für das Atomkraftwerk vorbereiten. 10,5 Quadratkilometer Waldfläche an der Nordspitze der Halbinsel müssen weg.

Ein Desaster für die Natur, für die Fische im Meer und die Bewohner, so warnen die Atomkraftgegner in Sinop. 400.000 Tonnen Meerwasser werden die Reaktoren jeden Tag zur Kühlung einsaugen und dann aufgewärmt zurück in die See pumpen. "Aber ich kann es ihnen nicht erklären", klagt Koç, ein kleiner, umtriebiger Mann, über die Dorfbewohner auf der Halbinsel: "Sie folgen blind Erdogan. Sie sagen: Weißt du es denn besser als Erdogan?"

Zwei Standorte stehen fest

Seit den 1970er-Jahren gibt es in der Türkei Pläne für Kernkraftwerke. Doch erst die Regierung des Modernisierers und Großbaumeisters Tayyip Erdogan hat alles ins Rollen gebracht. Zwei Standorte stehen fest: Sinop im Norden und Akkuyu weit im Süden an der Mittelmeerküste; beim Städtchen Igneada, gleich an der Grenze zu Bulgarien, könnte die dritte Gruppe der Atommeiler stehen. Die Türkei muss groß werden, bläut die Regierung ihren Bürgern ein, sie braucht mehr Energie, sie kann ihr Geld nicht ewig für teure Gas- und Ölimporte ausgeben.

"Wenn ich wüsste, dass dieses Atomkraftwerk die Energieprobleme der Türkei lösen würde, könnte ich es vielleicht verstehen", sagt Sinops Bürgermeister Baki Ergül. "Aber das tut es nicht." Drei, vielleicht fünf Prozent des Energiebedarfs werden die Reaktoren einmal decken, und dafür der nächsten Generation ein fürchterliches Erbe hinterlassen, sagt der Bürgermeister. "Ein Atomkraftwerk kann man überall hinstellen. Aber Sinop gibt es nur einmal."

Abkommen unterschrieben

Ergül ist von der sozialdemokratischen Opposition, lange hielt er sich mit seiner Ansicht über das Atomprojekt bedeckt. Doch als Erdogan und Japans Premier Shinzo Abe vergangenen Oktober, am Tag der Eröffnung des Bosporus-Tunnels, ein Abkommen über den Bau der Atommeiler unterschrieben, wusste der Bürgermeister, dass es ernst wird. 2023, zum 100. Jahrestag der türkischen Republik, soll der erste Reaktor in Sinop ans Netz gehen. "Ich glaube, wir machen es schneller", sagte Erdogan.

"Sie haben es geschafft, den Leuten den Kopf zu verdrehen", stellt Sinops Bürgermeister fest. "Sie sagen ihnen, das Kraftwerk schafft 3000 bis 5000 Jobs, die Hotels und Restaurants werden voll sein." Dann zeigt er Fotos vom jüngsten Anti-AKW-Protest in Sinop. Ein paar Tausend Aktivisten kamen - die allermeisten von auswärts, merkt der Chef von Sinop Flash Haber, einer der lokalen Blätter, an. Osman Aksu führt ein Argument an, das seltsam klingt. "Die Leute hier denken: Bis heute hatten wir durch die Atomkraftwerke in den Nachbarländern nur Schaden, aber keinen Nutzen. Lasst uns also selbst ein Kraftwerk bauen."

Wenn man gegen Atomkraft ist, dann dürfe man auch kein Gas in der Küche benutzen oder über die Bosporus-Brücke fahren, erklärte Erdogan, als im März 2011 die Reaktoren in Fukushima schmolzen: "Risiken gibt es immer."

Ein Land, das nicht einmal seine Gasflaschen in der Küche in den Griff bekommt, sollte nicht in die Atomenergie einsteigen, empfahl damals Mehmet Ali Birand, ein renommierter, mittlerweile verstorbener Kolumnist. (Markus Bernath aus Sinop, DER STANDARD, 28.6.2014)

  • "Weißt du es denn besser als Erdogan?": Der Atomkraftgegner Sami Koç hat Mühe, sich bei seinen Nachbarn auf der Halbinsel von Sinop Gehör zu verschaffen. Die Dorfbewohner hoffen auf Jobs.
    foto: markus bernath

    "Weißt du es denn besser als Erdogan?": Der Atomkraftgegner Sami Koç hat Mühe, sich bei seinen Nachbarn auf der Halbinsel von Sinop Gehör zu verschaffen. Die Dorfbewohner hoffen auf Jobs.

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