Obsession im Zeitstrudel

27. Juni 2014, 19:05
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Beim Festival Sommerszene Salzburg tanzt "Vortex Temporum" der belgischen Choreografie-Ikone De Keersmaeker an

Salzburg - So etwas wie Naivität kennt Anne Teresa De Keersmaeker nicht, wenn es um ihre Stücke geht. Aber die 54-Jährige meidet auch jene Distanz zu tänzerischen Konventionen, die sie in die Ästhetik einer Konzeptkünstlerin führen würde. Warum die belgische Starchoreografin gerade deswegen eine besondere Position im zeitgenössischen Tanz innehat, zeigt sie am Wochenende im Republic beim Salzburger Sommerszene-Festival.

Darin ist De Keersmaekers Gruppenstück Vortex Temporum ("Zeitstrudel") ein Highlight. Auch deshalb, weil sich wieder so klar wie in früheren Arbeiten darstellt, mit welcher Perfektion die Choreografin bis heute ihr obsessives Verhältnis zur Musik in hyperrationalen Bewegungskompositionen sublimiert.

Was vor mehr als 30 Jahren bei dem Minimalisten Steve Reich begonnen hatte, macht hier bei dem französischen Komponisten Gérard Grisey Zwischenstopp. Dieser war in den 1980er-Jahren einer der Initiatoren der Spektralmusik, in der den physikalischen Qualitäten von Klängen Penibilität nachgegangen wurde. Griseys Vortex Temporum aus dem Jahr 1996 gilt als ein Schlüsselwerk dieser Musikrichtung.

Darin können Klänge zu intelligenten Strukturen werden, die sich als hochspezifische Muster beispielsweise unter dem Titel "Zeit der Wale" ausbreiten. De Keersmaeker gibt den Emotionen, die dadurch ausgelöst werden, eine tänzerische Form - nicht im Ausdruck, sondern in den Dynamiken der Tänzer. Esoterisch, wie manchmal behauptet wird, ist das nicht. De Keersmaeker trägt bloß hin und wieder atmosphärisch dick auf. Das ist der obsessiven Komponente ihrer Arbeit zuzuschreiben.

Angetrieben wird der Zeitstrudel von der Live-Musik des Brüsseler Ictus-Ensembles. Das international gelobte Stück ist, was gern übersehen wird, als Zusammenarbeit mit der nach Belgien immigrierten US-Amerikanerin Chrysa Parkinson entstanden. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 28.6.2014)

  • Tänzerische Form - nicht im Ausdruck, sondern in der Dynamik: "Vortex Temporum".
    foto: anne van aerschot

    Tänzerische Form - nicht im Ausdruck, sondern in der Dynamik: "Vortex Temporum".

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