Schülerdatensoftware: "Längere Testphase hätte viel Unmut vermieden"

27. Juni 2014, 17:36
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AHS-Lehrergewerkschaftschef Quin kritisiert mangelhaften Support - Neos gegen Sokrates-Einsatz: "Datensparsamkeit statt Datensammelwut"

Wien – Nach dem STANDARD-Bericht über das neue zentrale Schülerverwaltungssystem "Sokrates Bund", mit dem die rund 550 Bundesschulen Österreichs - allgemeinbildende höhere Schulen (AHS) sowie berufsbildende mittlere und höhere Schulen (BMHS) - ab Herbst arbeiten müssen, haben sich die Neos am Freitag gegen den Einsatz dieser Datensoftware ausgesprochen. "Sokrates schießt weit über das Ziel hinaus und ist nicht ausreichend begründet", sagte Neos-Menschenrechtssprecher Nikolaus Scherak und forderte "immer eine Überprüfung der Verhältnismäßigkeit, um nicht Persönlichkeitsrechte zu verletzen: Statt Datensammelwut brauchen wir Datensparsamkeit."

Keine neuen Daten abgesaugt

Aus dem Unterrichtsministerium hieß es dazu auf STANDARD-Anfrage, dass auch künftig "keine Daten gespeichert werden, die die Schulen bis jetzt nicht auch gespeichert haben, weil sie dafür laut Gesetz, etwa das Schulorganisationsgesetz, verpflichtet sind". Also etwa Noten, Fehlstunden, Klassenwiederholungen, aber auch Betragensnoten, Muttersprache oder Religionsbekenntnis etc. In Zukunft aber eben nicht mehr am jeweiligen Schulstandort aufbewahrt, sondern zentral im Bundesrechenzentrum gespeichert. Es werden also keine neuen oder mehr Daten als schon bisher "abgesaugt". Im Übrigen werde durch das neue System eine Empfehlung des Rechnungshofs zur Verwaltungsvereinfachung umgesetzt, heißt es im Unterrichtsressort.

Support für Lehrer nicht zufriedenstellend

Die zuständige Abteilung im Ministerium sei "jedenfalls sehr bemüht, da könnte ich nichts Negatives sagen", konzediert im STANDARD-Gespräch auch AHS-Lehrergewerkschaftsvorsitzender Eckehard Quin (Fraktion Christlicher Gewerkschafter, FCG). Ein "massives Problem" sei aber noch immer der Support durch die Betreiberfirma. Da gebe es bei Anfragen von Lehrern, die mit der Sokrates-Software arbeiten und Probleme haben, egal ob via Hotline oder per E-Mail, oft sehr lange, unzumutbare Wartezeiten. "Wenn jemand die Daten für Zeugnisse übernehmen soll und dann eine Woche auf eine Antwort warten muss, dann kommt das natürlich 'super' an", erzählt der Lehrergewerkschafter.

Quin hätte generell eine "längere Testphase, zum Beispiel ein Jahr mit Schulen, die sich freiwillig melden", bevorzugt, um die "üblichen Kinderkrankheiten, die jedes Softwaresystem hat, nicht im Vollbetrieb abzuarbeiten. So hätte man viel Unmut bei den Lehrern vermeiden können", sagt der oberste AHS-Lehrervertreter.

Die bei den Schulungen - laut Quin waren sie "endenwollend gut" und es wurde dort "sehr viel Kritik an Sokrates geäußert" - offenkundig gewordenen "Kinderkrankheiten" würden von der zuständigen Softwarefirma aber ernst genommen: "An der Lösung wird durchaus gearbeitet." So sei es einem Informatiklehrer in der Übungsphase etwa vor versammelter Lerngruppe gelungen, einen fiktiven Schüler mit dem Namen des Schulungsleiters in die Sokrates-Datenmaske einzuspeisen.

Systemlogik prallt auf Systemlogik

Aber, so hat Quin durchaus Verständnis für gewisse Anlaufschwierigkeiten: "Grundsätzlich gibt es keine Software, die keine Fehler hat. Da gibt es auch Probleme, für die man niemanden verantwortlich machen kann: Jedes Programm hat eine andere Systemlogik." Dieses Aufeinanderprallen verschiedener Systemlogiken - hier Schulverwaltung, dort Softwareprogrammierer - hätte man eben durch eine längere Testphase mit kleinerer Übungsgruppe verhindern können, meint Quin. "Man hätte die Fehler leichter gesehen und auch leichter entsprechenden Support für die Betroffenen anbieten können. Danach wäre ein flächendeckender Rollout einfacher zu organisieren gewesen."

Gegen die Umstellung weg von den einzelnen Schulen zum Bundesrechenzentrum, das künftig die Datensicherheit garantieren soll, hat Quin keine Einwände: "Da mache ich mir keine Sorgen, dass das ein Problem ist. Es ist wahrscheinlich kaum eine sicherere Datensicherung als dort, wo auch die Steuerdaten verwaltet werden."

"Was ist das denn für eine pädagogische Lektion?"

Der Statistiker Erich Neuwirth, der an der Uni Wien auch Informatik gelehrt hat, sagte im STANDARD-Gespräch zu Sokrates: "Als Statistiker will ich natürlich Daten hoher Qualität, aber ich möchte auch, dass man den Datenlieferanten erklärt, was da warum weitergegeben wird. Was ist denn das für eine pädagogische Lektion? Wir speichern alle Daten von euch zentral, ihr habt keine Ahnung, wer aller darauf zugreift, und das ist uns auch alles egal?", mahnt er mehr Transparenz bei der Datenerhebung ein. Das Ministerium hätte offensiver oder transparenter informieren müssen, vor allem auch die Eltern, was warum und wie lang gespeichert werde.

Datenmissbrauch im Unterricht thematisieren

Neuwirth plädiert dafür, diesen Umstieg auf ein neues Schülerverwaltungssystem auch gleich "didaktisch sinnvoll" zu nutzen und gleichzeitig mit der Einführung den "Lehrern eine Musterstundeneinheit für den Informatikunterricht zur Verfügung zu stellen, in der das System und möglicher Missbrauch thematisiert und auch beschrieben wird, welche Schutzmaßnahmen dagegen vorgesehen sind." Das wäre "eine lohnende Aufgabe für das Bifie", meint Neuwirth. Das Bundesinstitut für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung des österreichischen Schulwesens war ja selbst vor nicht allzu langer Zeit im Zusammenhang mit einem vermeintlichen Datenleck in eine Debatte über Datensicherheit im Bildungsbereich verwickelt. (Lisa Nimmervoll, derStandard.at, 27.6.2014)

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