"Man kann nicht Hüllen mit Löchern liefern"

29. Juni 2014, 16:55
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Passivhaus-Erfinder Wolfgang Feist sagt, warum es ein Problem ist, wenn ein vermeintliches Passivhaus keines ist

Der deutsche Bauphysiker Wolfgang Feist gilt als Erfinder des Passivhauses. Im Gespräch mit Martin Putschögl sagt er, warum es ein Problem ist, wenn ein vermeintliches Passivhaus keines ist, und warum er in Österreich nur noch Passivhaus Austria voll unterstützt.

STANDARD: Dem Passivhaus weht ein starker Wind entgegen. Viele Bauträger finden es mittlerweile zu teuer, und in Oberösterreich wurde von der Politik überhaupt ein Quasiverbot im geförderten Bereich ausgesprochen. Ist Österreich für Sie eigentlich noch ein Passivhaus-Vorzeigeland?

Feist: Sie werden sich wundern: Ja. Denn man muss unterscheiden zwischen einer im Grund eher oberflächlichen politischen Diskussionsebene und den tatsächlich realisierten Projekten. Und da gibt es gerade in Österreich eine Vielzahl an sehr guten realisierten Projekten: Allein in Innsbruck etwa Supermärkte, Schulsanierungen sowie Neubauten mit vernünftigen darstellbaren Kosten, etwa jene der Neuen Heimat.

STANDARD: Deren Chef Klaus Lugger betont aber stets, dass er zwar weiterhin Passivhäuser bauen wird, aber nur, wenn er die Mehrkosten gefördert bekommt. Verstehen Sie das?

Feist: Ja, das verstehe ich gut. Sozialer Wohnbau ist eine Gemeinschaftsaufgabe, er wird über von der Gemeinschaft bezahlte Förderungen finanziert. Persönlich finde ich das auch richtig und gut. Selbstverständlich sind die Investitionen für den besseren Wohnbau aber etwas höher. Und diese höheren Kosten müssen eben auch mitgefördert werden. Das zahlt sich mannigfaltig zurück, denn es muss immer der gesamte Lebenszyklus betrachtet werden. Beim Passivhaus gibt es etwas höhere Investitionskosten, die dann in Form von eingesparten Energiekosten zurückgezahlt werden. Und der Nutzer bekommt dazu noch die bessere, wohngesündere Situation im Gebäude.

STANDARD: Manche Passivhäuser werden aber bloß so genannt, sind in Wahrheit keine. Ein Problem?

Feist: Für eine ganze Reihe an Projekten in Österreich haben wir eine Zertifizierung durchgeführt, etwa für das Lodenareal in Innsbruck und die Lebensmittelmärkte in Tirol. Da wissen wir definitiv, dass es Passivhäuser sind, und die funktionieren auch gut.

STANDARD: Manche Projekte haben aber unzweifelhafte Probleme, die Werte zu erreichen - etwa beim Eurogate in Wien. Soll man diese Häuser wirklich Passivhaus nennen dürfen?

Feist: Ich sehe da eine große Gefahr darin, wenn für Dinge, die nicht funktionieren, die Bezeichnung "Passivhaus" verwendet wird. Der Begriff steht für einen wohl definierten, zuverlässig erreichbaren Standard, und wir haben ihn ganz bewusst nicht schützen lassen, er soll jedem offenstehen. Allein aus Gründen des Verbraucherschutzes muss aber jemand, der für sich in Anspruch nimmt, ein Passivhaus zu bauen, auch sicherstellen, dass er das erreicht.

STANDARD: Bereuen Sie es, den Begriff nicht geschützt zu haben?

Feist: Nein. Das war ganz bewusst unsere Politik. Deshalb ist es auch falsch, wenn gesagt wird, es sei ein proprietärer Standard. Das ist es eben nicht. Es ist ein öffentlich publizierter Standard, jeder hat Zugang zu den Kriterien, die sind klar definiert. Wir sagen aber bewusst nicht, dass jemand seine Projekte von uns überprüfen lassen muss, sondern wir bieten das auf freiwilliger Basis an. Nicht alle brauchen dieses Angebot, das auch eine Beratung umfasst, manche schaffen es auch selbst - wie beim Studentenheim in der Wiener Molkereistraße, bei dem das Passivhaus-Institut zu keinem Zeitpunkt involviert war und das trotzdem ein gut funktionierendes Passivhaus geworden ist. Aber natürlich hat nur der, der am Schluss in der Lage ist, die Standards zu erfüllen, auch den Anspruch, den Begriff zu verwenden. Wenn Sie sagen, Sie liefern Luftballone, dann können Sie nicht einfach Hüllen mit Löchern liefern.

STANDARD: Dieser Anspruch ist aber rechtlich nicht durchsetzbar.

Feist: Das stimmt nicht. Denn wenn es am Schluss Probleme gibt und sich Endnutzer beschweren, oder auch Wohnbaugesellschaften, die bei einem Generalunternehmer ein Passivhaus bestellt haben, ohne ein solches bekommen zu haben, dann ist die Situation klar. Dann kann es so weit kommen, dass die Gerichte zu entscheiden haben. In Deutschland gab es solche Fälle schon, da stellte ein Gericht fest, dass in einem strittigen Fall die Bezeichnung "Passivhaus" irreführend war. Ich muss also nicht selbst wie ein Polizist hinter jedem Bauträger stehen, der den Begriff benützt.

STANDARD: In Österreich hat sich im Herbst die Organisation Passivhaus Austria von der IG Passivhaus losgesagt und macht nun ihr eigenes Ding. Stehen Sie voll hinter Passivhaus Austria?

Feist: Ja, in vollem Umfang. Das ist keine Spaltung, sondern ein konstruktiver Neubeginn. Wir wollen an der Weiterentwicklung der attraktivsten, kostengünstigsten und nachhaltigsten Lösung gemeinsam arbeiten.

STANDARD: Will das die IG Passivhaus aus Ihrer Sicht nicht?

Feist: Das kann und will ich weder beurteilen noch kommentieren.

STANDARD:  Ihrer Meinung nach hat sich aber der "progressive" Teil abgespalten?

Feist: Wie schon gesagt: Es ist ein Neubeginn von denen, die wissen, dass es eine vernünftige Basis braucht, damit wir konkret umgesetzte Fortschritte erzielen können. Das Passivhaus geht heute in allen Bauweisen und -situationen, ob in der Innenstadt oder in einem neu erschlossenen Baugebiet, ob am Berg oder im Tal, ob im Geschoßwohnbau oder beim Einfamilienhaus.

STANDARD: Von Letzterem gibt es besonders viele Beispiele.

Feist: Hier wird manchmal etwas missverstanden: Wir forcieren nicht den Bau von Einfamilienhäusern. Die privaten Bauherren waren ganz einfach die Ersten, die sich die damals noch deutlich höheren Mehrkosten geleistet haben. Das ist der simple Grund dafür, warum es viele Passivhaus-Einfamilienhäuser in Österreich gibt. (DER STANDARD, 28.6.2014)

Wolfgang Feist (60) ist Gründer und Leiter des Passivhaus-Instituts mit Sitz in Darmstadt und Innsbruck.

  • Bauträger Neue Heimat Tirol errichtete auf dem Areal der ehemaligen Eugen-Kaserne in Innsbruck eine Passivhaus-Wohnanlage mit 444 Wohnungen. Geplant hat DIN A4 Architektur.
    foto: nht/hueber

    Bauträger Neue Heimat Tirol errichtete auf dem Areal der ehemaligen Eugen-Kaserne in Innsbruck eine Passivhaus-Wohnanlage mit 444 Wohnungen. Geplant hat DIN A4 Architektur.

  • Wolfgang Feist: "Wir forcieren nicht den Bau von Einfamilienhäusern. Die privaten Bauherren waren ganz einfach die Ersten, die sich die damals noch deutlich höheren Mehrkosten geleistet haben."
    foto: putschögl

    Wolfgang Feist: "Wir forcieren nicht den Bau von Einfamilienhäusern. Die privaten Bauherren waren ganz einfach die Ersten, die sich die damals noch deutlich höheren Mehrkosten geleistet haben."

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