Wir sind Hymne

Kolumne27. Juni 2014, 18:48
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Andreas Gabalier singt sich ins Fettnäpfchen

Als Andreas Gabalier vor kurzem mit stolz erhobener Stimme ins Fettnäpfchen stieg, gingen Wellen hoch. Fehler können passieren. Sind vor dem Töchtereklat passiert und werden mit Sicherheit nach ihm geschehen. Das ist auch nicht das Hauptproblem am Töchtersöhnefall. Er hätte - aus dem Vollen seiner lyrischen Texterzeugnisse schöpfend - theoretisch auch von großen Söhnen und Zuckerpuppen singen können, was er nicht getan hat, dafür mal ein Sternchen. Gabalier scheint jedoch zu jener Spezies zu gehören, die nicht nur Fehler macht, sondern darauf noch unbändig stolz ist. Aus diesem Stolz heraus auch am Traditionellen festhält, an dem, was man früher kannte, ungeachtet aller Auffrischungen des Materials. Konsequent betrieben wären unsere Vorfahren niemals aus dem Meer an Land gekrochen, nur um neumodische Dinge wie Lunge statt Kiemen zu vermeiden. Er hätte das in der Schule so gelernt, meinte er. Ein Sänger ist nicht verpflichtet, seine Kenntnisse laufend am neuesten Stand zu halten wie ein Arzt oder Wissenschaftler. Dann kam der verheerende Nachsatz: Er würde es beim nächsten Mal wieder so singen. Das lässt sich nur mit bewusster Entscheidung, an Fehlerhaftem dranzubleiben, erklären und genau das ist die Attitüde, die in Österreich verbreitet ist und die immense Schäden im Innen und im Außen verursacht hat und weiter verursachen wird. Und weils immer schon so woar, bleibt es natürlich auch immer so. Bis es kracht. Oder bis höhere Mächte a la deus ex machina walten, was außer am Theater leider nicht wirklich oft vorkommt, ja eigentlich nicht einmal am Theater, wenn man sich das an der Burg so ansieht. Gabalier ist sich seiner Vorbildwirkung übrigens mit Sicherheit bewusst, er bedient ein Klientel, das gerne zurückblickt beziehungsweise nicht gerne vorblickt, weil sich im Vorn wenig Perspektiven zeigen und auch, weil eine Neuorientierung dafür notwendig wäre, diese Perspektiven zu finden. Rückendeckung erhielt Gabalier prompt von der FPÖ, die ihr Wahlvolk gut unterhalten sah, und die Rüge postwendend von den Grünen. Neuorientierung erfordert Kraft und Reflexion, Selbstbewusstsein oder Schützenhilfe seitens anderer. Im Schulbereich wird hingegen munter gespart, als gäbe es kein Morgen, statt eben dieser Klientel die benötigte Unterstützung anzubieten. Nicht jede Schule ist ein Eliteprojekt, das gefördert werden muss! Ungeachtet aller politischen Bedeutungen seines Handelns verortet sich Gabalier freiwillig als einer, der die vorvorvorletzte Version eines verfügbaren Betriebssystems auf seinem Handy hat. Aus Bestemm. Ob er noch mit Schilling zu zahlen versucht, ist nicht bekannt. (Julya Rabinowich, DER STANDARD, Album, 28./29.6.2014)

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