Tex Rubinowitz: Wie hört sich Stille an?

29. Juni 2014, 10:00
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Wie klingt das Rascheln der Bakterien oder das Wandern der Planeten im All? Und was, wenn die Musik abgeschafft ist? Ein Plädoyer für ein gesundes Grundbrummen und eine Kein-Kommentar-Kultur

Es gibt eine neue psychoakustische Studie über eine Gesetzmäßigkeit bezüglich der Wechselwirkung von Sozialgeräuschen und geschlossenen Räumen. Man nennt das die Tex-Rubinowitz-Akustikreziprozität, weil ich sie als Erster gemessen habe, mit meinem TRA-Meter. Ich stelle immer wieder fest, dass der Lautstärkepegel in Lokalen, sobald eine lärmende Gruppe gegangen ist, nach kurzer Zeit wiederhergestellt wird, indem die Verbliebenen automatisch lauter werden, so als kämen sie mit dem plötzlichen Stilleangebot nicht zurecht, ein unverhofftes Geschenk, mit dem sie nichts anfangen können. Einfach mal den Schnabel halten geht nicht, das physische wie das geistige Ohr muss beschäftigt werden, weil es sonst möglicherweise einschläft.

Als der Mohikaner Unkas, Sohn von Chingachgook in Der Lederstrumpf von James Fenimore Cooper, an einer Stelle meinte: "Ich kann die Stille hören", und von Nat Bumppo ausgelacht wird, meinte er das dem Nichts innewohnende Grundbrummen, und sei es nur das Rascheln der Bakterien oder das Wandern der Planeten im All, auch das kann genauso über Kommendes oder Anwesendes Aufschluss geben, die Ruhe vor dem realen oder sprichwörtlichen Sturm, die Bäume rauschen anders, die Vögel halten endlich mal den Schnabel, die Rehe im Wald werden melancholisch, die Ameisen so emsig, als würde die Läden gleich schließen, es ist fast so, als müsse sich die Natur sammeln, ein atavistischer Instinkt der Kontemplation.

Selbst John Cages 4'33? (Four minutes, thirty-three seconds) wird vom Knarren des Pianistenhockers, dem Umblättern der Noten, dem rasselnden Husten eines Kettenrauchers im Publikum begleitet. Ist die Stille nun das Stück - oder sind es die Geräusche, die man sonst beim Musikhören ausblendet, Klimaanlage, vorbeifahrende Autos usw.? Oder wird die Stille erst hörbar, definiert sie sich erst durch die Geräusche, die immer da sind?

Die schon lange nicht mehr existente Berliner Band Die tödliche Doris veröffentlichte 1986 eine immaterielle Platte, genannt Die unsichtbare fünfte LP; die Musik der Platte, oder sagen wir, deren Klang, Zauber oder Geheimnis entsteht nur, wenn man die zwei Platten der Band 7 tödliche Unfälle im Haushalt und Unser Debut gleichzeitig abspielt, Text und Musik sind aufeinander abgestimmt und fügen sich sekundengleich ineinander. Wenn man zwei Plattenspieler besitzt, kann man das in den eigenen vier Wänden ausprobieren, wenn nicht, auch jemand an einem anderen Ort bitten, etwa in Beppu auf der südjapanischen Insel Kyushu, die eine Platte zu spielen, das Fenster zu öffnen, und man selbst legt die andere auf, und wohnt auf Iturup, der südlichsten Insel des Kurilen-Archipels, im Örtchen Beppi, und öffnet auch das Fenster, dann entsteht die unsichtbare fünfte Platte in der Sphäre über Japan und gibt dem Begriff von der Sphärenmusik eine neue Bedeutung.

Propagandaminister von Die tödliche Doris war Wolfgang Müller, sein Bruder Max steht ebenfalls einer Band vor, sie existiert aber nach wie vor, auch wenn man das nie so weiß, sie heißt Mutter und veröffentlicht Platten in einer kontraproduktiven Unregelmäßigkeit, die ihresgleichen sucht, und bespielt Säle mit einer ein- bis zweistelligen Besucherzahl, und so sehen auch die Plattenverkäufe aus, trotzdem kann man Mutter immer und überall hören, auch wenn sie gerade nicht spielen oder man keine Platte von ihnen hört, oder man befürchten muss, dass es sie schon gar nicht mehr gibt.

Das liegt einfach am Nachhall der enormen Suggestivkraft ihrer Musik und den Texten ihres Sängers Max Müller, eine latente Bedrohung, noch lange, nachdem die Musik von Mutter verklungen ist und die Kühe heimgekehrt sind, ist dieser Nachhall wahrnehmbar, wie ein nasses Blatt, das im Herbst noch stundenlang an unserem Schuh klebt, wenn wir schon lange im geschlossenen Raum sind, und beispielsweise ratlos durch eine vollkommen leere Glyptothek gehen, in der wir von antiken Granitköpfen angestarrt werden, allen hat man die Nasen abgeschlagen, und wir wundern uns über diese abgeschlagenen Nasen, wundern uns über etwas, was nicht da ist, und warum das wohl so ist, unsere Gedanken werden begleitet vom Echo unseres eigenen Trittschalls, und wir schauen zu Boden, zu unseren Füßen, sehen das Blatt, das Blatt sieht uns, sieht es uns vorwurfsvoll an, gar hämisch?

Ein Geräusch als Freund

Wir bleiben stehen, wir können es nicht abpflücken, es gibt keinen Mistkübel im Museum, und da merken wir, dass es gar nicht unser Trittschall war, jemand geht, den wir nicht sehen, oder es sind künstlich erzeugte Geräusche, mit denen qua Lautsprecher das Museum beschallt wird, damit man nicht so alleine ist, oder wie auf japanischen Toiletten elektronisch erzeugte Spülgeräusche ertönen, wenn man auf ihnen sitzt, damit sie die menschlichen Geräusche übertönen, die da so entstehen, für den Kabinennachbarn, oder gar am Ende für sich selbst, um ein bisschen akustische Gesellschaft zu haben. Und darauf läuft es wohl letztlich hinaus, das Geräusch ist nichts anders als ein Freund, der immer da ist, der dir sagen will: Du bist nicht alleine.

Cindy & Bert forderten 1978 im Lied Fieber der Nacht: "Gib mir Musik, die ich trinken kann." Man muss dieses Lied nicht hören, um zu wissen, wie es klingt, dazu reicht die Nennung der Interpretennamen, und das wäre der Traum, wenn man Musik nicht mehr hören müsste, auch nicht trinken, wenn wir einen Zustand erreichen könnten, der das nicht mehr erfordert, wenn unser Ohr weiter wäre und dem Rascheln der Bakterien lauschen könnte, oder dem Klang der Planeten auf ihrer Wanderschaft. Musik wird allenfalls aus dem Fenster vorbeifahrender Autos gehört, anders würden wir sie auch gar nicht mehr ertragen, weil unserer Ohren so sensibilisiert sind, dass Musik nachgerade Körperverletzung gleichkommt. Klingt nicht der Siegertitel des Eurovision Songcontests, nachdem der Zirkus vorbei ist, so altbacken wie sonst nichts auf der Welt? O.k., ich weiß, es ist der Moment, dieses superkünstliche Gebilde, wie eine irisierende Seifenblase, dass 300 Millionen Menschen für einen Moment in Frieden und Glück und faszinierendem Entsetzen vereint sind, und sich nicht hauen, stechen, bestehlen und vergewaltigen, aber könnte man das nicht auch ohne Ton erzeugen? Kann man nicht einfach über die schönen Kleider, Perücken und Bärte staunen, misstrauen wir denn so unseren Augen, oder schämen wir uns für sie?

Wenn die Musik abgeschafft ist, können wir endlich damit beginnen, Sozialgeräusche zu analysieren, warum müssen sie sein, brauchen wir sie wirklich, brauchen wir wirklich Geräusche als Freunde, ist Schweigen nicht viel treuer? Geräusche verlassen dich, die Stille bleibt, auch wenn wir inzwischen wissen, dass die Stille eigentlich auch trügerisch ist, sie ist nicht das, was sie verschweigt.

Arbeiten wir an einer imaginären Gesellschaft mit imaginären Sozialgeräuschen, an einer Kein-Kommentar-Kultur. Der edelste Text ist der, der keinen Kommentar bekommt, man ist einfach sprachlos. Lob und Kritik erübrigen sich, wir werden zufrieden und die Welt wird zufrieden mit uns. Wir hätten keine Angst mehr, bräuchten keine Fahrstuhlmusik, weil niemand mehr Angst im Fahrstuhl hat, keine Kaufhausmusik, weil wir so klar und wach sind, dass wir nur das kaufen, was wir wirklich brauchen, und keine Musik im Lokal, die immer lauter wird, je lauter wir reden, bis wir am Ende schreien müssen, gegen die Musik anschreien, bis wir heiser sind und betrunken und schwindelig von unserem Schreien, weil Schreien eine Sauerstoffunterversorgung im Kopf befördert, und am nächsten Morgen wüssten wir nicht mehr, was da am Vorabend passiert ist, weil wir weder eine Stimme noch eine Erinnerung noch ein Gehör mehr haben. Alles weg, sogar die Frau oder der Mann, mit der oder dem man noch mitgehen wollte, und schuld daran ist die Musik und sind die verdammten Sozialgeräusche und die Kommentare und Meinungen, diese ganze grelle Kakofonie, die nichts anders will, als an unserer Seele zu nagen wie eine riesengroße, schmutzige Ratte.

Mit einem gesunden Grundbrummen, vielleicht eines netten Kühlschranks, ab und zu kippt irgendetwas um, wir erschrecken aber nicht, denn wir haben einen schallschluckenden Isolierpelz auf unseren Trommelfellen, eine Uhr tickt, ohne dass wir sie hören, wir spüren nur ein Vibrieren der Luft, ausgelöst durch das Vorrücken der Zeiger, wir hören das Blut in unseren Adern rauschen, wir sagen den ganzen Abend nichts, und dann klappt das auch mit Claudia Schiffer und uns im Bett, oder wenn man nicht so auf Claudia Schiffer steht, dann eben mit einem Ohrenarzt. (Tex Rubinowitz, DER STANDARD, Album, 28./29.6.2014)

Tex Rubinowitz, geb. 1961 in Hannover, ist Zeichner, Musiker, Reisejournalist und Schriftsteller und lebt seit 1984 in Wien. Zuletzt erschien "Die sieben Plurale vom Rhabarber" (Rowohlt). Er liest beim Bachmannpreis-Wettlesen in Klagenfurt (2.-6. Juli).

  • Die Ruhe vor dem realen oder sprichwörtlichen Sturm, die Bäume rauschen anders, die Vögel halten endlich mal den Schnabel, die Rehe im Wald werden melancholisch, die Ameisen so emsig, als würden die Läden gleich schließen, es ist fast so, als müsse sich die Natur sammeln ...
    foto: dpa / axl heimken

    Die Ruhe vor dem realen oder sprichwörtlichen Sturm, die Bäume rauschen anders, die Vögel halten endlich mal den Schnabel, die Rehe im Wald werden melancholisch, die Ameisen so emsig, als würden die Läden gleich schließen, es ist fast so, als müsse sich die Natur sammeln ...

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