Das Gabaliersdelikt

Leserkommentar27. Juni 2014, 13:03
414 Postings

Andreas Gabalier wirkt wie jemand, der absichtlich in eine Radarfalle fährt

Für viele gilt Andreas Gabalier als Retter der Tradition, wenn er die so sehr ans Herz gewachsene alte Weise der österreichischen Bundeshymne singt. Abgesehen vom Heldennimbus erinnert er damit allerdings an einen rebellenhaften Kärntner Anwalt, der im mittlerweile beigelegten Ortstafelstreit absichtlich in die Radarfalle fuhr.

Aus Überzeugung falsch gesungen

Am 22. Juni hat Gabalier falsch gesungen. Aus Tradition, wie er sagt: Statt von großen Töchtern und Söhnen sang er in seiner Interpretation der Bundeshymne nur von den Söhnen. Da dem Durchschnittsbürger die Bundeshymne oftmals nicht so geläufig ist, kann so etwas ja einmal passieren, möchte man meinen.

Dem "Volks-Rock-'n'-Roller" ist das nicht einfach so passiert: Er hat, eigenen Angaben zufolge, aus purer Überzeugung die nicht mehr gültige Hymne gesungen.

Weil er den Cantus als Kind so gelernt habe, sehe er keine Veranlassung, sich aktuellen Gegebenheiten anzupassen, sagt Gabalier dazu. Ein kleines Zuckerl gibt's für die Geprellten dennoch: Er habe allerhöchsten Respekt vor Frauen, sagt er in einer Stellungnahme zum Vorwurf der Frauenfeindlichkeit aus den Reihen der Grünen Frauenbewegung.

Nationalratsbeschluss

Was dem Sänger allerdings nicht hundertprozentig klar gewesen sein dürfte, ist, dass der Text der Bundeshymne auf einem Beschluss des Nationalrats aus dem Jahr 2011 beruht. Er hat dementsprechend verbindlichen Charakter. Ob das nun gut oder schlecht ist, sei dahingestellt.

Tatsache ist allerdings, dass ebendieser Text ersatzlos an die Stelle des alten tritt. "Weil's früher besser war", kann dementsprechend bestenfalls als liebe Erinnerung, nicht jedoch als Entschuldigung für den Fehltritt gelten: Immerhin ist das Falschsingen der eigenen Bundeshymne durch Personen öffentlichen Interesses nach außen hin kein Renommée fürs Land.

Dazu lässt sich eine Parallele zu einem Vorfall im Rahmen des Kärntner Ortstafelstreits ziehen: Am 12. November 1994 beging der Anwalt Rudolf Vouk mit 65 km/h im Ortsgebiet ein strafbares Verkehrsdelikt, gegen das er mit dem Argument, dass das Ortsgebiet nicht hinreichend als solches ausgeschildert gewesen sei, Einspruch erhob.

Gut sieben Jahre danach hatte der Verfassungsgerichtshof die Beschwerde endgültig abgewiesen. Sinngemäß wiedergegeben urteilte der Verfassungsgerichtshof, dass ein Ortsgebiet als solches in jedem Fall erkennbar gewesen sei.

Falsch bleibt falsch

Genauso, wie es möglich ist, dass der Anwalt um die Bestimmungen der Straßenverkehrsordnung schlicht und ergreifend nicht Bescheid wusste und deshalb zu schnell fuhr, kann man im aktuellen Fall natürlich auch Gabalier dementsprechend in Schutz nehmen.

Besser wird's dadurch allerdings nicht: Unwissenheit schützt bekanntlich vor Strafe nicht, auch wenn man der Tradition halber auf dem Vergehen beharrt. Es wird durch stures Tun nicht richtiger: Zu schnell bleibt zu schnell, und falsch bleibt falsch. (Rainer Adelsberger, Leserkommentar, derStandard.at, 27.6.2014)

Rainer Adelsberger arbeitet bei einem Unternehmen für Werbung und Ankündigungen in Wien.

Share if you care.