Wie viel Schaden können Großeltern anrichten?

Kolumne29. Juni 2014, 17:00
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Auseinanderklaffende Erziehungsansätze können für Spannungen im Familiengefüge sorgen. Wie kann man reagieren?

Frage:
Unsere Tochter ist knapp zweieinhalb Jahre alt und verbringt zwei Tage pro Woche bei ihren Großeltern. Sie ist sehr gerne dort. Mit teilweise großem Unbehagen stelle ich jedoch fest, dass die Großeltern einen sehr "veralteten Erziehungsstil" haben und es mir absolut nicht möglich ist, dass sie ihren Umgang mit Kindern überdenken, Fehler einsehen und versuchen, etwas daran zu ändern.

Die beiden verwenden genau jene Sätze, die laut Ihren Büchern besser vermieden beziehungsweise anders formuliert werden sollten. So wird unsere Tochter zweimal pro Woche belehrt, bewertet, nicht gesehen und manches Mal wahrscheinlich auch gekränkt.

Die Situation belastet mich sehr, denn einerseits benötige ich den Freiraum dieser Tage, andererseits sorge ich mich, dass die Persönlichkeit unserer Tochter darunter leiden könnte. Glauben Sie, dass diese zwei Tage pro Woche der Integrität und dem Selbstwertgefühl unserer Tochter schaden?

Antwort:
Ich denke, dass diese Frage jeden Tag tausende andere Eltern auch beschäftigt. Hier ein paar Anhaltspunkte als Erinnerung: Kinder sind sowohl robust als auch verwundbar und vollauf fähig, durch unterschiedliche Realitäten zu navigieren, vorausgesetzt, sie haben zu Hause eine gute Basis.

Beurteilen Sie Ihre Eltern und Schwiegereltern nach ihrer Liebe in deren Augen und nicht so sehr nach deren Kindererziehungsphilosophie. Erlauben Sie ihnen nicht, sich um Ihre Kinder zu kümmern, wenn Sie dort keine Liebe wahrnehmen. Das Gleiche gilt, wenn Ihr Kind nicht zu den Großeltern möchte oder sich regelmäßig schlecht fühlt, sobald es wieder zu Hause ist.

Unterschiedliche Leben

Sollte es vorkommen, dass die ältere Generation etwas sagt oder tut, das Sie nicht mögen oder mit dem Sie nicht einverstanden sind, dann sagen Sie das einfach. Zum Beispiel: "Ich mag es nicht, wenn du sie auf diese Weise korrigierst." Wenn der Großelternteil nun mit Groll antwortet oder sich verletzt fühlt, sagen Sie nur, dass eine Zustimmung nicht notwendig ist. Sie möchten lediglich, dass sie wissen, was Sie denken. Danach beenden Sie die Unterhaltung in einem freundlichen Ton. Sie können das ruhigen Gewissens in der Anwesenheit Ihrer Tochter sagen. Das Verhalten oder die Denkweise der Großeltern wird sich damit vermutlich nicht ändern. Aber es wird einen tieferen Eindruck hinterlassen als jede Argumentation.

Es wird auch Ihrer Tochter helfen zu wissen, dass die wichtigen Erwachsenen in ihrem Leben unterschiedlich sind.

Brave Mädchen

Zu Hause können Sie Ihre Tochter in ihrem Selbstwert stärken und in ihrem Mut, sich Erwachsenen zu widersetzen. Ihre Tochter entwickelt nun auch ihre Sprache, deshalb können Sie bereits mit ihr darüber sprechen. Falls Sie die Großeltern "Sie war heute so ein braves Mädchen" beim Abholen sagen hören, können Sie, wenn Sie allein mit Ihrer Tochter sind, zu ihr sagen: "Oma hat gesagt, dass du heute sehr brav warst ... Mich interessiert es aber mehr, ob dein Tag gut war. War er das?"

Oder: "Es ist mir aufgefallen, dass dich Oma oft ... Tut dir das weh? Wenn es dir zu viel wird, sag es mir."

Vertrauen vermitteln

Für Kindergarten und Schule gelten ähnliche Prinzipien. Geben Sie Ihren Kindern das Gefühl von Sicherheit, wenn Sie mit ihnen zusammen sind. Vermitteln Sie ihnen Vertrauen in sich selbst und behandeln sie ihre "Gegner" so anständig (nicht höflich oder politisch korrekt!), wie es Ihnen möglich ist.

Derartige Situationen sind für jedes Kind sehr wertvoll, denn dabei lernt es sich auszudrücken und zu reflektieren. Außerdem lernt es so, Strategien zu entwickeln, die es in Beziehungen mit anderen Menschen braucht, die nicht immer nur das Beste wollen. (Jesper Juul, derStandard.at, 29.6.2014)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen zu Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Die nächste Kolumne lesen Sie am 13. Juli.

  • Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.
    foto: family lab

    Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.

  • Diese Serie entsteht in Kooperation mit familylab Österreich.
    foto: family lab

    Diese Serie entsteht in Kooperation mit familylab Österreich.

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