Franz Ferdinand, famos

27. Juni 2014, 19:02
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Eine Unperson bekommt endlich Konturen: Wladimir Aichelburg schreibt die Lebenschronik des Thronfolgers, bis in die entlegensten Details. Eine Lesesucht auf 3000 Seiten

Eine Sensation! 3268 Seiten, sechs Kilo, drei Bände, ein Thema: der Thronfolger. Ein Titel: Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich-Este 1863-1914. Habe ich je ein eigensinnigeres Buch gelesen?

Drei Monate schon ergreifen mich all die Materialien, die Wladimir Aichelburg so grenzenlos ausbreitet. Ihr Sog hat mich heftigst erfasst, ich merke verdutzt, wie hungrig ich bin nach Wissen um das wirkliche Leben des berühmten Mordopfers von Sarajevo, sein Leben, seine Arbeit hinter Legende und Cliché. Ein Jahrzehnt schon, gebannt von dieser Figur, hatte ich mich abgefüllt mit biografischen, historischen, politologischen Publikationen über das Faszinosum Franz Ferdinand. Wie hat Autor Aichelburg diese Verblüffung geschafft?

Ein halbes Leben Archivarbeit - ein Organisationsprinzip musste der Archäologe erfinden, um der gehobenen Schätze Herr zu werden. Alles, was Kriminalist Aichelburg ans Tageslicht befördert hat, um "diese unverstandene Persönlichkeit ins Licht zu rücken", hat er der Chronik des gelaufenen Lebens zugeordnet. Und das sind runde 2000 sensationelle Seiten erstmals publizierter Fundstücke für die Ferdinandologie.

Entstanden ist ein Stunden-Buch, ein Tage-Buch, ein Lebens-Kalender. Jede Seite strotzt von Realien, Raritäten, von dem Reichtum des realitätsverbürgenden kleinen Details. Neben der ganz großen Geschichte, die sich im Leben dieses Habsburgers bricht, blitzen die ganz kleinen Brosamen des Alltags auf und verweisen zurück aufs Große und Ganze.

Was einen so lesesüchtig, so neugierig macht, was nicht aus der Lektürespannung entlässt, das ist die Vielfalt des Inhalts dieser Lebens-Agende: Apotheken-Lieferscheine, Antwortbriefe, Liebesbriefe, Bettelbriefe, Befehle, Botschaftsbotschaften, Chiffriertes, Dechiffriertes, Codes, Dokumente, Einkaufszettel, Gästebücher, Gehaltslisten, Geheimberichte, Gerüchte, Gesuche, Geschenkverzeichnisse, Infos, Memos, Journale, Nachrichten, PS-Zahlen, Pferdenamen, Pressestimmen, Reisepläne, Sitzordnungen, Speisekarten, Schusslisten, Telegramme, Tagebücher, Zeitungsausschnitte, Zitate, Zitate, Zitate: eine Springflut von Fakten, eine gigantomane Collage, die einen auf das Irrsinnigste elektrisiert. Und immer und alles geht ausschließlich um diese eine Figur, diesen famosen Franz Ferdinand, sein Lieblingswort war "famos". Und immer dieser schöne Trost für den süchtigen Freund dicker Bücher, dass dieses 3268-Seiten-Paradies ja nie endet. Und immer öffnet jedes Blatt, jeder Tag, jede Stunde, in der man zwischen diesen Buchdeckeln herumwühlt, eine neue Seite jenes außergewöhnlichen Lebens. Und immer genussvoll!, an die Schlüssellöcher in den Schlosstüren der zahllosen Palais des Prinzen zu treten, in sie hineinzukriechen, um zu äugen, spionieren, erschnüffeln, wie Geschichte riecht und stinkt. Und, immer, wie - endlich! endlich! - diese Unperson der österreichischen Vergangenheit die Kontur erhält und die Seele bekommt, die sie hat.

Böse und maliziös

Dazu immer kurz, informativ, frech, widerborstig, bös, maliziös, belehrend, korrigierend, weiterführend die Kommentare des Editors. Und wer immer ist dieser Autor, der einen so in Bann schlagen und doch zielklar durch das Labyrinth dieser unvollendeten Hochwohlgeborenheit führen kann?

Aichelburg, Wladimir, 1945er Jahrgang, selbst mit abenteuerlicher Biografie; tschechischer Graf mit bürgerlicher Ehefrau; vertrieben mit Familie aus dem tschechischen "Neustupov", dem Nachbarschloss der Konopischt-Residenz des Thronfolgers; doktorierter Marinespezialist über "K. u. k. Unterseeboote im 1. Weltkrieg", "liberaler Traditionalist, adelskritischer Aristo, historiografischer Erbsenzähler"; in Wien acht Jahre Assistent von Arnulf Rainer, 40 Jahre Archivar im Künstlerhaus; Mitbegründer des Thronfolger-Archivs im FF-Schloss Artstetten, publiziert an die 40 Bücher über FF und österreichische Geschichte; 30 Jahre an den drei FF-Bänden gearbeitet, das Manuskript abgelehnt von 30 Lektoren, bis Elisabeth Hübl von Verlag Berger in Horn das Opus magnum druckte.

Mit FF als ferner Figur ist Aichelburg aufgewachsen, gegen ihn als den "Tyrann, Tiermörder, Kriegshetzer" in tschechischen Schulen indoktriniert - Urgroßonkel Bohuslav war Erzieher des Erzherzogs. Wer also war Aichelburgs FF? Nach 100 Jahren gelingt hier eine grandiose Revision! Sie macht aus dem Machthaber das, was er war. FF ist ab sofort nicht mehr nur das Monster, der Kotzbrocken, der Kriegstreiber, der Psychopath. Seine Biografie erfüllt viele dieser zweifellos erfahrungsgesättigten Clichés, jawohl. Aber Aichelburg weiß mehr. Er führt vor, dass dieser eigensinnige Edelmann ein edler Mann sein konnte, mit atemberaubenden Geschenklisten, Gnadenerweisen, Gartenlüsten, Gerechtigkeitssinn. Der als Geizkragen verschriene Betriebswirt war mehr als Rechnungsprüfer, Controller, Manager. Er war in maroder Monarchie eben nur modern. Ein begnadeter Briefsteller war er obendrein, pointiert, ganz und gar unhöfisch, unhöflich. Nie fad! Süffig die Schreibweise. Seine Rhetorik grobianisch, rabiat. Aber auch rosenreich und kussvoll. Ein rasanter Liebhaber, Vater zweier unehelicher Söhne, mit deren Schicksalen Aichelburg alleine ein Buch füllen könnte, vor allem mit jenem Kurt, der als Jude später Katholik, noch später Nazi wurde, und der selbst Hitler einzuspannen vermochte in seine Alimentation.

Herzzerreißend die Liebesgeschichte mit der späteren Ehefrau, der Ehefrau zur Linken, Sophie Chotek - beider amouröse Kommunikation verbrannt von den eigenen Kindern in Artstetten! Ich kann mit der Hundertschaft telegrafischer Innigkeit, von Aichelburg für die Nachwelt gerettet, nur ahnen, was zwischen beiden hinund herfunkte an Leidenschaft und Feuer.

Abgöttisch geliebt

Die Kinder sind abgöttisch geliebt, gewissenhaft erzogen, fürsorglich versorgt worden vom "Franzi"-Vater, der sich auch mal in voller Generalsmontur auf den Kinderzimmerteppich warf, um mit seinen Kleinen Indianer zu spielen; zahllos an sie die Kabel direkt aus dem Herzen des Vaters, 200 Tage des Jahres in der Monarchie unterwegs. Sie durften bei Tisch mithören, mitreden, an Papis Hand Schlittschuhlaufen lernen, in den Zirkus Hatle eilen, und zu Weihnachten bog sich der Gabentisch: "Jubel!" FF wollte in der Ferne sogar wissen, dass am 10. 6. 1903 "der Prinz das erste Mal in Topf gemacht" hat.

Dieser Aichelburg ist auch ein Nachschlagewerk der ganz speziellen Art. Wie hat FF reagiert auf die Nachricht vom Freitod des Thronfolgers in Mayerling, die ihn erst zu dem machte, was er wurde? Wie auf die Spionage-Affaire Redl? Den Mord an Sisi? Wie war sein Verhältnis zum deutschen Brachialkaiser Wilhelm II.? Zur Kunst der Secession? Pressefreiheit? Parlamentarismus? Thronfolge? Ungarn? Serbien? Krieg? Frauen? Zum jüdischen Bankhaus Rothschild?

Wie verstörend der Konsum von Medikamenten, die die Hofapotheke wöchentlich liefern muss an den zukünftigen Kaiser; Arzneien, die ihn nach überstandener Tbc als gesundheitlich Angeschlagenen ausweisen - penibel, putzsüchtig, hypochondrisch, codeinabhängig, behandelt mit Coffein, Cocain, Morphium: ein Mensch, der ständig so viel Schmerzmittel braucht, muss ständig so viel Schmerzen haben, dass auch seine Cholerik in anderem Licht erscheint. Entsetzen bei der Lektüre des FF-Notizbuches von 1898ff, in dem der habsburgische Machiavellismus nur so donnert, Schweißausbrüche bei der Lektüre der Jagdausflüge - am 22. 8. 1905 der 3000. Hirsch, am 4. 11. 13 der 6000. erlegt, am 20. 6. 12 Möwen 840, 866 Hasen am 3. 11. 11: Ich werfe Band 1 und den Band 2 ins Eck!

Natürlich hat auch diese Publikation ihre Mängel. Diese Druck-, Satz-, Grammatikfehler! Wo ist das Orts- und Namensregister? Wo ein kompaktes Literaturverzeichnis? Und all die Redundanzen, Doubletten, das unnötige Faktengestöber - nicht weglektoriert. So findet man bei Aichelburg zwar alles, aber daher nichts! Und das wiederum ist genau der Reiz dieses Romans, ja "Romans", denn es könnte auch alles erfunden sein - eine Aristo-Trilogie reinsten Wassers, blauesten Blutes, sofort zu verfilmen! Und die Zwischensumme nach den ersten 1500 gelesenen Seiten? Verstehen, welch hermetische Kaste der Adel in dieser Untergangsepoche war, die 1914 nur noch um vier Jahre überlebte. Verstehen, wie ein FF am sterilisierten Hof Franz Josephs, an den der übelriechende Odem des Volkes nicht hinstinken konnte, schon zu Lebzeiten gescheitert war: Schönbrunn ist die Kapuzinergruft. Und so lehrt Aichelburg einen auch sehen, wie höfisch noch heute dieses Land ein- und ausatmet mit seinem SPÖ-Kaiser, seinem Frühstücks- und Grüßgottkaiser, seinem Ichbinderheinziundichhabmichsehrgefreutkaiser in der republikanischen Hofburg. (Peter Roos, DER STANDARD, Album, 28./29.6.2014)

Peter Roos, Jg. 1950, freier Schriftsteller in Wien und Marktheidenfeld am Main.

Wladimir Aichelburg, "Erzherzog Franz Ferdinand". € 150 / 3268 Seiten. Berger-Verlag, Horn/Wien 2014

  • "Er war nicht nur Monster und Kriegshetzer, dieser eigensinnige Edelmann konnte auch ein edler Mann sein": Franz Ferdinand
    foto: heeresgeschichtliches museum

    "Er war nicht nur Monster und Kriegshetzer, dieser eigensinnige Edelmann konnte auch ein edler Mann sein": Franz Ferdinand

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