Viel mehr als nur Maradona oder Pelé 

27. Juni 2014, 12:31
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Brasilien und Argentinien sind weit mehr als sportliche Rivalen. Der Erfolg von Lionel Messi und Kollegen führt zu einer regelrechten Völkerwanderung

Findet die WM tatsächlich in Brasilien statt? Bei den Spielen der argentinischen Nationalmannschaft mag der Zuschauer da Zweifel bekommen. Auch beim Duell gegen Nigeria schoss Superstar Lionel Messi seine Tore im ausverkauften Stadion von Porto Alegre vor einem blauweißen Fahnenmeer. Mehr als 50.000 argentinische Fans waren angereist und hatten die Hauptstadt des südlichsten Bundesstaates Rio Grande do Sul fest in ihren Besitz genommen. Nur ein Drittel von ihnen hatte Eintrittskarten. Der Rest vergnügte sich mit Dosenbier und dem traditionellen Churasco-Grill vor dem Stadion. "Argentinien hat zu Hause gewonnen", titeln brasilianische Zeitungen nach dem Sieg des Nachbarlandes.

Die fußballverrückten Argentinier führen auch bei dieser WM die Fankarawane an. Ihre Sprechchöre übertönen die aller anderen Fans, in und vor den Stadien. Brasilien sieht den Siegeszug von Messi und Kollegen mit einer Mischung aus Respekt und Verärgerung. Die Rivalität zwischen den Ländern ist so alt wie der Fußball in Südamerika. Auch in diesen Tagen streiten die Medien beider Länder heftig über die sportliche Vorherrschaft. Maradona oder Pelé, wer ist der beste Fußballer aller Zeiten? Kann Brasiliens Hoffnungsträger Neymar Junior die Erfolgsserie von Messi stoppen? Sehnsüchtig wird ein Aufeinandertreffen der beiden Teams erwartet. Das wäre allerdings erst nach dem Halbfinale möglich.

Bis dahin lassen die argentinischen Fans keine Gelegenheit aus, den fünffachen Weltmeister mit Spott zu überhäufen. Besonders populär sind derzeit Masken von Argentiniens Fußballstar Claudio Caniggia. 1990 sorgte dieser mit seinem Treffer zum 1:0 für das Aus der Seleção im Achtelfinale der Endrunde in Italien - eine Schmach, die jeden brasilianischen Fan heute noch schmerzt. Ganz Brasilien hofft endlich auf Revanche.

Mitspieler Uruguay

"Es ging zwischen den beiden Ländern immer auch um die politische Vorherrschaft in Lateinamerika", sagt der Historiker Julio Pimentel Pinto von der Staatlichen Universität in São Paulo. Die beiden führenden Fußballnationen zu Beginn des 20. Jahrhunderts hießen allerdings Uruguay und Argentinien. Erst danach folgte Brasilien. Argentinien erlebte zu dieser Zeit einen wirtschaftlichen Aufschwung und wurde die weltweit siebentgrößte Volkswirtschaft.

Das änderte sich nach dem Zweiten Weltkrieg. Brasiliens Wirtschaft boomte, ausländische Investoren entdecken das Land.

Politisch steht derzeit vor allem Argentiniens Präsidentin Cristina Kirchner mit dem Rücken zur Wand. Die Tore von Messi können nicht über die schwere Staatskrise hinwegtäuschen. Die Präsidentin muss gerade mit Gläubigern verhandeln, das Land steht kurz vor der Staatspleite. Analysten gehen davon aus, dass die Regierung demnächst Steuererhöhungen ankündigen muss. Deshalb gibt es nichts, was die Stimmung mehr heben könnte als ein dritter Weltmeistertitel der Albiceleste.

In Brasilien wurde Präsidentin Dilma Rousseff, die sich Anfang Oktober zur Wiederwahl stellt, bei der Eröffnungsfeier der Weltmeisterschaft gnadenlos ausgebuht und in Sprechchören zum Teil ordinär angepöbelt. "Bis jetzt konnte Rousseff keinen positiven Effekt aus der WM ziehen, im Gegenteil", sagt der Sportsoziologe Alexandre Machado Rosa von der Universität in Campinas. "Die WM erweist sich als größtes Hindernis für ihre Wiederwahl." Die Kritik an den hohen Ausgaben für die Stadionbauten werde nicht leiser.

Wirtschaft gegen Sport

1950 wurde in Brasilien die erste WM nach dem Zweiten Weltkrieg ausgerichtet. Argentinien boykottierte diese wegen politischer Differenzen. Ein Ereignis, das die Brasilianer bis heute nicht vergessen haben. "Damals wurde die Rivalität zwischen beiden Ländern zementiert", sagt Machado Rosa. Erst im Zuge der Übergänge von der Diktatur zur Demokratie in Argentinien (1983) und Brasilien (1985) näherten sich die Politiker beider Länder an. Nach der Etablierung des Mercosur im Frühjahr 1991 belebte sich die wirtschaftliche Zusammenarbeit. Bezüglich der alten Rivalität musste sich Argentinien, das nur ein Fünftel der Einwohner Brasiliens und weniger als ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts des mächtigen Nachbars vorweisen kann, fast zur Gänze auf die sportliche Ebene verlegen.

Wie eng die beiden Mannschaften zusammenliegen, zeigt die Statistik. Von den bisher insgesamt 98 offiziellen Länderspielen gegeneinander seit 1914 gewann Brasilien 38 und Argentinien 37. 23 Mal gab es ein Unentschieden. Nach Toren liegt Brasilien mit 154:156 sogar leicht zurück. Dafür holte die Seleção fünfmal den Weltmeistertitel, die Albiceleste nur zweimal. Allerdings ist Argentinien zwölffacher Gewinner der Copa America, also das Rekordteam der südamerikanischen Meisterschaft. (Susann Kreutzmann, DER STANDARD, 27.06.2014)

  • Lionel Messi ist der Abgott der Argentinier, ein Wahrzeichen wie der  Christus am Corcovado ob Rio de Janeiro.
    foto: ap/caivano

    Lionel Messi ist der Abgott der Argentinier, ein Wahrzeichen wie der Christus am Corcovado ob Rio de Janeiro.

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