Der Trümmerhaufen nach dem Zusammenbruch der Squadra 

26. Juni 2014, 17:02
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Nach dem Scheitern in Brasilien hat sich Italiens Nationalteam auf den Weg gemacht. Ein Flug in eine ungewisse Zukunft, denn die Rücktritte von Coach Prandelli und Verbandschef Abete sind nur der Anfang

Rio de Janeiro / Rom - "Baut Italien wieder auf. In Eile", forderte die Zeitung Tuttosport am Donnerstag. Der eklatante Zusammenbruch bei der WM gebietet schnelle Entscheidungen. Schon am Montag soll sich der Verwaltungsrat des italienischen Verbands treffen und über die Nachfolge von Prandelli und Abete beraten. Als mögliche Kandidaten für den Posten des Nationaltrainers gelten Roberto Mancini (49), der kürzlich Galatasaray Istanbul verließ, Massimiliano Allegri (46), den der AC Milan im Jänner feuerte, und Luciano Spalletti (55), von dem sich Zenit St. Petersburg im März trennte.

"Es kann sicherlich keine positive Bilanz sein", gab Vizeverbandspräsident Demetrio Albertini nach dem zweiten Vorrunden-Aus der Azzurri bei einer WM hintereinander zu. "Wir sind mit anderen Erwartungen hierhergekommen." Ziel sei es nun, bis zur EM 2016 eine neue, schlagkräftige Mannschaft aufzubauen.

Wie das Gesicht des Nationalteams aussehen soll und was in Brasilien schiefgelaufen ist, wird in Italien heftig diskutiert. "Prandelli hat bei der Nominierung Fehler gemacht, er hat zu viele Spieler mitgenommen, die keine Erfahrung haben. Das war eine sehr gewagte Entscheidung", sagte Salvatore Toto Schillaci, der Held und Torschützenkönig der Heim-WM 1990, der daheim in Palermo auf Sizilien ein Sportzentrum für Jugendliche führt.

Nicht geschätzt

Im Mittelpunkt der Kritik, aber auch rassistischer Anfeindungen steht einmal mehr Mario Balotelli, der beim 0:1 gegen Uruguay bis zu seiner Auswechselung schwer enttäuscht hatte. "Er ist ein absolut überschätzter Spieler", sagte Ex-Nationalspieler Mauro Camoranesi. "Es ärgert mich, einen Spieler zu sehen, der auf dem Platz nicht alles für die Nationalmannschaft geben will." Auch innerhalb der Mannschaft nimmt die Kritik zu, der 23-Jährige zieht sich zurück und wirkt isoliert. "Chaos-WM für Balotelli", urteilte der Corriere dello Sport.

Er lasse die Schuld diesmal nicht auf sich abladen, twitterte der Stürmer des AC Milan. "Sucht euch also eine andere Entschuldigung, weil Mario Balotelli ein reines Gewissen hat und bereit ist, mit erhobenem Kopf stärker als zuvor zurückzukehren." Auf die wiederkehrenden Beleidigungen, er sein kein echter Italiener, reagierte Balotelli noch harscher: "Die Afrikaner würden nie einen ihrer 'Brüder' beschuldigen. In dieser Sache sind wir Neger, so wie ihr uns nennt, euch Lichtjahre voraus." Balotellis Auslassungen sorgten für Wirbel in Italien. "Unter Anklage. Balotelli rastet aus", schrieb Tuttosport. Balotelli übertreibe, stand im Corriere dello Sport: "Ohne Beherrschung."

Brasilien-Fan

Doch es gab auch Unterstützung. "Es wird so dargestellt, als ob die Niederlage der Nationalmannschaft seine Schuld sei", sagte Adriano Galliani, Milans Vizepräsident. Die Squadra habe aus anderen Gründen verloren, "er hat sicherlich nicht schlechter gespielt als die anderen".

Balotelli erklärte sich inzwischen zum Brasilien-Fan. "Zeigt jetzt, dass ihr die Väter des Fußballs seid, und seid die Könige dieses Festes. Vorwärts Seleção", verbreitete er auf Portugiesisch via Instagram. "Brasilien war es wert. Die WM ist für mich nicht optimal gelaufen, aber mit euch zu sein, das war Note eins. Die Brasilianer sind in meinem Herzen und hinterlassen Sehnsucht." (sid, red, DER STANDARD, 27.06.2014)

  • Buffon verabschiedet sich aus Brasilien.
    foto: ap/bruno

    Buffon verabschiedet sich aus Brasilien.

  • Mario Balotelli auf dem Weg zum Flieger in Rio de Janeiro. Für ihn war Brasilien die Enttäuschung wert.
    foto: epa/ferrari

    Mario Balotelli auf dem Weg zum Flieger in Rio de Janeiro. Für ihn war Brasilien die Enttäuschung wert.

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