"Es könnte immer noch mehr geschehen"

Interview27. Juni 2014, 05:30
82 Postings

Eine dubiose Gedenktafel im Gymnasium Döbling motivierte die Schüler, über die Geschichte der Schule in der Nazi-Zeit zu forschen. Das Projekt wurde mit dem Leon-Zelman-Preis prämiert. Petra Stuiber sprach mit Initiator Martin Krist

STANDARD: Warum treffen wir uns hier im Schulhof "Ihres" Gymnasiums für ein Gespräch über Zeitgeschichte-Unterricht in Wien?

Krist: Wenn Sie sich umsehen, bemerken Sie, dass dieses Gymnasium sich rein äußerlich durch nichts von anderen Wiener Gymnasien unterscheidet. Wenn man freilich hineinschaut, sieht man eine besondere Gedenkwand. An der können Sie sehen, dass wir hier seit Jahrzehnten Zeitgeschichte aufarbeiten. Wir haben uns bemüht, die Spuren der Schüler und Lehrer, die in der Nazi-Zeit weggewiesen oder ausgelöscht wurden, wieder sichtbar zu machen.

STANDARD: Wie kam es zu der langen Beschäftigung mit dem Thema?

Krist: Mitte der 1990er-Jahre habe ich mir im Oberstufen-Unterricht für Geschichte die Schulkataloge für 1937, 1938 und die Jahre danach aus dem Schularchiv geholt. Ich wusste damals bereits, dass jüdische Schüler und Lehrer von den Nazis ausgeschlossen worden waren, aber sonst war es nicht sehr bekannt - übrigens auch an deutschen Schulen nicht. Und das habe ich mir dann gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern angesehen.

STANDARD: Die hat das interessiert?

Krist: Die hat das sehr interessiert, und wir beschlossen gemeinsam, etwas daraus zu machen. Es kam dann eine mühevolle Phase des Transkribierens der Kataloge. Spannend ist es geworden, als wir dann Kontakt zu einigen dieser Vertriebenen aufnehmen konnten. Mitte der 1990er-Jahre ging das noch vergleichsweise leicht, da haben viele noch gelebt. Vier haben sogar noch in Österreich gelebt, der Rest war über die ganze Welt verstreut. Das war ein bisschen wie Detektivarbeit.

STANDARD: Sie haben letztlich mehrere Generationen von Schülern mit diesem Projekt beschäftigt?

Krist: Das kann man so sagen. Es geht quer durch alle Altersstufen. Es beginnt mit der vierten Klasse und endet in der achten. Und im Deutschunterricht wird in manchen Klassen schon früher mit Literatur begonnen, die mit dieser Zeit zu tun haben. Einige Kolleginnen lesen etwa im Unterricht "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl".

STANDARD: Was hat Ihr eigenes Interesse an Zeitgeschichte geweckt?

Krist: Geschichte überhaupt - das hat mich immer schon interessiert. Als wir damals über die Schulbuchaktion den Geschichte-Atlas bekamen, bin ich tagelang gesessen und habe ihn studiert.

STANDARD: Gab es auch Lehrer, die Ihr Interesse gefördert haben?

Krist: Nein, überhaupt nicht. (lacht) In keinster Weise, das kann ich wirklich sagen. Der Geschichteunterricht war damals völlig uninteressant. Das ist heute schon völlig anders. Sehr bald hat mich dann auch die Geschichte von Verfolgten interessiert. Ich vermute, auch durch Erzählungen meines Großvaters, Erlebnisse meiner Mutter als Kind.

STANDARD: War Ihre Familie auch von Verfolgung betroffen?

Krist: Nein. Aber wer wollte, hat die Verfolgung mitbekommen. Ich selbst habe das auch erlebt. Neben mich wurde in der dritten Klasse Volksschule ein Rom gesetzt. Der war zu gescheit für die Sonderschule und durfte wechseln. Er war dann kurze Zeit bei uns in der Klasse. Das war ein sehr einprägsames Erlebnis für mich. Der Bub wurde von allen ausgegrenzt: Kindern, Lehrern, auch vom Schuldirektor, der uns unterrichtet hat. Und ich bin neben ihm gesessen und habe mir immer gedacht: Der ist doch ganz normal! Dann hat er begonnen, sich gegen die Ausgrenzung zu wehren, und beim geringsten Anlass haben sie ihn dann wieder in die Sonderschule abgeschoben. Das war eine furchtbare Sache, diese Ungerechtigkeit hat mich schwer beschäftigt. Da ist man dann, zumal, wenn man historisch interessiert ist, bald bei der Verfolgung jüdischer Mitbürger und bei Zwangsarbeitern.

STANDARD: Zuletzt wurde immer wieder Kritik an "zu viel" Nazi-Zeit im Geschichteunterricht laut - mit dem Argument, viele Schüler schalteten ob des verdichteten Horrors ab. Erleben Sie das auch?

Krist: Ich habe das auch gehört - es wird schon seinen Grund haben. Wie bei jedem anderen Gegenstand auch muss ich mir als Geschichtelehrer überlegen, wie ich das fertigbringe, dass sich die Schülerinnen und Schüler interessieren. Wenn ich ihnen nur Schockbilder zeige oder ihnen Zahlen und Fakten eintrichtere, wird das nicht bei ihnen ankommen. Wenn ich aber von Einzelschicksalen erzähle, an die Orte gehe, die Schülerinnen und Schüler kennen - etwa die Wege, die sie selbst gehen -, habe ich noch nie Desinteresse erlebt. Die wollen im Gegenteil immer mehr und mehr wissen. Auch Kinder mit Migrationshintergrund, wo man meinen sollte, dass sie das von ihrem familiären Hintergrund nicht so betrifft. Die interessieren sich genauso.

STANDARD: Also Einzelschicksale sind die Lösung?

Krist: Es kann unterstützend wirken. Es muss ja gelingen, Empathie zu erzeugen - nur dann gelingt der Transfer in die Gegenwart. Und genau darum sollte es ja gehen, dass Jugendliche sehen, dass es auch heute Ausgrenzung und Verfolgung gibt und Zivilcourage gefragt ist, um dagegen aufzutreten.

STANDARD: Was passiert, wenn keine Zeitzeugen mehr leben?

Krist: Dann wird es so wie bei jedem anderen Geschichteunterricht - bei den Römern gibt es auch keine Zeitzeugen, aber es gibt genügend Material. Das ist auch beim Thema Shoah der Fall. Es gibt genügend Unterlagen, man muss sie nur benutzen und anwenden.

STANDARD: In diesem Jahr steht der Beginn des Ersten Weltkriegs stark im medialen Fokus, das war nicht immer so. Wird etwa auch die Zwischenkriegszeit genügend beleuchtet an den Schulen?

Krist: Das ist so eine Sache. Wenn Sie Schulbücher ansehen, dann wird in den meisten die Zwischenkriegszeit als Geschichte zweier verfeindeter politischer Lager dargestellt. 1938 sind dann plötzlich die Nazis da. Stimmt nicht. Die lange Tradition des nationalen Lagers, gerade in Österreich, findet da nicht statt. Da liegt es an den einzelnen Lehrerinnen und Lehrern, das geradezurücken.

STANDARD: Passiert diesbezüglich genug an Wiens Schulen?

Krist: Es könnte immer noch mehr geschehen. Das fängt schon bei der Sprache an. Wenn etwa auf manchen Gedenktafeln zu lesen ist: "Sie wurden ausgeschlossen, weil sie Juden waren", dann übernimmt man unwissentlich die Diktion der Nationalsozialisten. Das sollten auch die Schülerinnen und Schüler verstehen, dass man Tätersprache nicht übernehmen kann. Und sie verstehen es sogar sehr früh, mit 13, wenn man sie darauf hinweist. Etwa dass man nicht "Häftlinge" sagen kann, wenn von KZ-Opfern die Rede ist.

STANDARD: Wie soll Zeitgeschichte-Unterricht in Zukunft aussehen?

Krist: Ich wünsche mir engagierte Lehrerinnen und Lehrer. Und ich wünsche mir mehr lokale Anknüpfungspunkte. Es gibt zum Beispiel kaum Erinnerungszeichen für Zwangsarbeiterlager. Allein in Wien existierten über 50 Lager für ungarische Zwangsarbeiter und -arbeiterinnen. Tausende Menschen waren hier, die Wiener Wirtschaft wäre ohne sie zusammengebrochen. Es gibt auch kaum Erinnerung an die Konzentrationslager-Außenstellen in Wien, etwa in Simmering oder in Floridsdorf. Wien war ja ein wichtiger Stützpunkt der deutschen Rüstungsindustrie. Am Nordbahnhof waren Zwangsarbeiter beschäftigt, in der großen Lokomotivenfabrik in Floridsdorf mussten sie schuften, bei der OMV gab es Zwangsarbeiter. Diese Anknüpfungspunkte müssen die Bezirke schaffen, das muss eigentlich die Stadt leisten. (Petra Stuiber, DER STANDARD, 27.6.2014)


Wissen: "Heldengedenken", das die Barbarei lieber verschwieg

Der in Bronze gegossene "Helden-Kopf" im Stiegenhaus des BG 19 aus der Zwischenkriegszeit sollte ursprünglich an die Gefallenen des Ersten Weltkriegs erinnern. In den späten 1940er-Jahren wurde dann eine Marmorumrahmung hinzugefügt, die quasi in einem Atemzug auch an die toten Soldaten des Zweiten Weltkriegs erinnern sollte. Kein Wort dagegen über die ermordeten jüdischen Schülerinnen und Schüler und Lehrer sowie die 104 von der Schule Vertriebenen.

Eine Erklärungstafel rückt, gemäß den Recherchen der Krist-Klassen, das Gedenken gerade. Erwähnt wird auch, dass jene, die für ihr "Vaterland" kämpften, auch "Todesfabriken und Gaskammern im Hinterland" verteidigten. Die Lehrerin Lilli Kern organisierte die künstlerische Umgestaltung: Der Kopf hängt nun neben der Marmorumrahmung, die bloße Mauer wird sichtbar. Daneben die Erinnerungstafel für die Ermordeten und Vertriebenen.

Die Schule erhielt für ihre "nachhaltige Erinnerungsarbeit" (Begründung der Jury) vom Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny den mit 5000 Euro dotierten Leon-Zelman-Preis 2014.

  • Martin Krist (53), Historiker, unterrichtet am Döblinger Gymnasium und  ist Lektor für Fachdidaktik am Zeitgeschichteinstitut der Universität  Wien. Er ist gemeinsam mit Robert Streibel Wiener Netzwerkkoordinator  von erinnern.at.
    foto: heribert corn

    Martin Krist (53), Historiker, unterrichtet am Döblinger Gymnasium und ist Lektor für Fachdidaktik am Zeitgeschichteinstitut der Universität Wien. Er ist gemeinsam mit Robert Streibel Wiener Netzwerkkoordinator von erinnern.at.

Share if you care.