Keynesianische Geldpolitik mit Vollgeld effizienter

Leserkommentar26. Juni 2014, 17:03
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Eine Vollgeldreform ist dringend notwendig

Selbstverständlich ist Vollgeld kein Wundermittel zur Heilung oder Vermeidung von Finanz- oder Wirtschaftskrisen. Selbstverständlich wären auch ein Trennbankensystem, konsequente Umverteilung von Kapitaleinkommen zu Arbeitseinkommen und viele andere Maßnahmen wünschenswert und notwendig.

Einer der Hauptkritikpunkte am Vollgeld besteht aber darin, dass Vollgeld mit monetaristischer Geldpolitik gleichgesetzt wird, wie dies auch Stefan Ederer im Leserkommentar getan hat. Das allerdings ist eine vollkommene Verkennung des Wesens von Vollgeld. Mit Vollgeld kann man genauso eine monetaristische Geldpolitik oder eine Keynesianische Geldpolitik betreiben wie im bestehenden Geldsystem.

Im heutigen Geldsystem wird allerdings eine schlechte Keynesianische Geldpolitik betrieben, indem von den Zentralbanken kein Einfluss darauf genommen wird, wofür die Geldmengenausweitung in der Wirtschaft eingesetzt wird. Deshalb fließt auch ein wesentlicher Teil der Keynesianisch motivierten Geldmengenausweitung nicht in die Realwirtschaft sondern in die Finanzmärkte und führt dort zur Blasenbildung.

Ein Instrument im bestehenden Geldsystem, das zu bremsen, wären beispielsweise Kreditlenkungsvereinbarungen zwischen der Zentralbank und den Banken, wie dies bis in die 1980er Jahre durchaus üblich war. Noch besser wäre es allerdings, wenn die Zentralbank das frisch geschöpfte Geld nicht über die normalen Banken sondern nur über Infrastrukturbanken in den Umlauf setzen würde.

Da beim Vollgeld die von der Zentralbank geschöpfte Geldmenge sich verfünffachen würde, könnte damit eine richtige Keynesianische Geldpolitik im Sinne einer Kreditschöpfung für reale produktive Investitionen fünfmal so effektiv wie im bestehenden Geldsystem umgesetzt werden.

Das Geld könnte eben von der Zentralbank über Infrastrukturbanken oder vom Staat für Bildung oder sonstige produktive Investitionen eingesetzt werden.

Besonders wichtig ist es beim Verständnis für Vollgeld, sich nicht in Details zu verlieren sondern das Grundprinzip von Vollgeld zu verstehen.

Vollgeldreform ist nichts Außergewöhnliches

Eine Vollgeldreform ist aus der Sicht der Geschichte des Geldes weder etwas Außergewöhnliches noch etwas Neues, noch etwas, zu dem es keine praktischen Erfahrungen gibt. Eine Vollgeldreform entspricht inhaltlich nämlich genau der Geldreform, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts aus guten Gründen auf der ganzen Welt beim Übergang von privaten Banknoten (ausgegeben von privaten Banken) zu ausschließlich "staatlichen" Banknoten (ausgegeben von der Zentralbank) vollzogen worden ist.

Und genau in Analogie zu dieser Geldreform ist eine Vollgeldreform am leichtesten zu verstehen. Bei dieser Geldreform wurde mit der Einführung von Zentralbanken die  Ausgabe von privaten Banknoten durch private Banken verboten und die Ausgabe von Banknoten erfolgte nur mehr durch die Zentralbank.

Banknoten stellen nichts anderes dar als auf Papier dokumentierte Forderungen (ursprünglich gegenüber privaten Banken und nach Einführung der Zentralbank gegenüber der Zentralbank), die als Zahlungsmittel verwendet werden können. Die heutigen Zahlungsmittel bestehen zum überwiegenden Teil aber nicht mehr aus Banknoten sondern zu etwa 85% aus Buchgeld, d.h. aus nicht auf Papier dokumentierten Forderungen gegenüber privaten Banken, sondern aus "elektronisch" dokumentierten Forderungen gegenüber privaten Banken.

Eine Vollgeldreform ist nichts anderes als den Schritt, der im 19. Jahrhundert für auf Papier dokumentierte Forderungen an private Banken (private Banknoten) vollzogen worden ist auch für elektronisch dokumentierte Forderungen an private Banken (Giralgeld) zu vollziehen. Siehe Grafik.

Aus diesem Gesichtspunkt ist  eine "Vollgeldreform“  eine praktisch erprobte Geldreform und heute genauso dringend notwendig, wie die Geldreform in der Mitte des 19.Jahrhunderts. Sie ist damit auch eine wesentlich konsistentere Lösung als 100%-Geld.

Ich empfehle daher dringend, dass sich die Politik, die Fachwelt und die Öffentlichkeit ernsthafter mit der Notwendigkeit einer Vollgeldreform auseinandersetzen. Eine Vollgeldreform ist jedenfalls nicht eine ideologiegetriebenes Hirngespinst von einigen Laien, die von Geld keine Ahnung haben, sondern so wie vor 150 Jahren eine notwendige Voraussetzung zur Stabilisierung der Ökonomie. (Leserkommentar, Erhard Glötzl, derStandard.at, 26.6.2014)

Erhard Götzl ist Vorstandsdirektor der Linz AG.

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