Wissenschaftliches Fehlverhalten: "Wir haben ein Problem"

26. Juni 2014, 16:19
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Umfrage unter österreichischen Wissenschaftern: Ein Viertel hat schon Datenmanipulation beobachtet oder selbst gemacht, jeder zweite sieht Probleme bei unrechtmäßiger Autorschaftsvergabe 

Wien - "Wir haben ein Problem." So interpretiert der Chef der Agentur für wissenschaftliche Integrität (OeAWI), Christoph Kratky, das Ergebnis einer Umfrage unter 3.000 in Österreich tätigen Forschern über beobachtetes bzw. begangenes wissenschaftliches Fehlverhalten. Zu den häufigsten genannten Delikten zählen unrechtmäßige Autorschaftsvergabe, unerlaubte Ideennutzung und verzerrte Interpretation.

Das Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung Berlin hat im Vorjahr im Auftrag des Wissenschaftsfonds FWF eine Online-Umfrage über die Arbeitsweise des Fonds durchgeführt und in diesem Rahmen im Auftrag der OeAWI auch Fragen zu wissenschaftlichem Fehlverhalten gestellt. Dabei ging es darum, ob die Forscher in den vergangenen drei Jahren selbst die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis verletzt oder dies bei Kollegen in ihrer Umgebung beobachtet haben. Der ehemalige FWF-Präsident Kratky hat die Ergebnisse am Donnerstag vor Journalisten präsentiert.

Vermeintliche Autoren ohne echten Beitrag

Gruppiert man die 17 abgefragten Vergehen, zeigt sich folgendes Bild: Am häufigsten wurde unrechtmäßige Autorenschaftsvergabe beobachtet oder selbst durchgeführt, 56 Prozent haben hier mindestens ein Fehlverhalten wie die Vergabe von Autorenschaft ohne substanziellen Beitrag genannt. An zweiter Stelle wurde unerlaubte Ideennutzung (38 Prozent) genannt, gefolgt von verzerrter Interpretation von Befunden bzw. Daten (35), unsachgemäße Begutachtung, etwa Befangenheit (33), Fälschen bzw. Manipulieren von Daten (26), unrechtmäßige Mittelverwendung (23) und Einfluss bzw. Druck von Firmen oder Mittelgebern (16 Prozent).

Kratky betonte, dass man aus diesen Zahlen nicht den Schluss ziehen könne, wie häufig Vergehen vorkommen. So könnten viele Wissenschafter ein einziges Fehlverhalten beobachtet haben.

Deutlich geringer sind die Prozentsätze beim Bekenntnis über selbst begangene Vergehen. So bekennt jeweils ein Prozent der Befragten, Ergebnisse aufgrund des Drucks von Mittelgebern verändert, eigene Publikationen mehrfach verwendet, Forschungsergebnisse aufpoliert oder unsachgemäß begutachtet zu haben. Drei Prozent sagen, sie hätten unzureichend dokumentiert, zwei Prozent geben zu, Autoren genannt zu haben, die keinen substanziellen Beitrag geleistet haben.

Zwischen den Disziplinen gibt es keine gravierenden Unterschiede. Unerlaubte Ideennutzung wird in den Geisteswissenschaften vergleichsweise häufig genannt, unrechtmäßige Autorenschaft in den Lebenswissenschaften, Zweckentfremdung von Mitteln in den Sozialwissenschaften.

"Unglaublich ähnliche Zahlen" in Deutschland

Der Vergleich mit einer ähnlichen Befragung in Deutschland brachte "unglaublich ähnliche Zahlen", so Kratky. Das zeigt für ihn, "dass wir in Österreich weder besonders delinquent noch besonders brav sind". Dass es diese Probleme gebe, sei in der Scientific Community bekannt. Man sei hierzulande aber "privilegiert, weil es eine Einrichtung wie die OeAWI gibt, die sich mit solchen Vorwürfen auseinandersetzt. Die Daten zeigen, dass es so eine Einrichtung braucht".

Es bestehe jedenfalls "großer Bedarf aufzuklären". Das tue die OeAWI durch Veranstaltungen und Workshops speziell für junge Wissenschafter. In erster Linie seien aber die Unis aufgerufen, die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis im Rahmen ihrer Doktoratsstudien zu vermitteln. "Wie viel Fehlverhalten man durch solche pädagogischen Maßnahmen hintanhalten kann und wie viel passiert, weil der Mensch der Mensch ist, kann ich nicht beurteilen", sagte Kratky.

Das größte Problem für die Wissenschaft sind nach Ansicht Kratkys aber "nicht die wenigen Prozent Fälscher, sondern der größere Prozentsatz Schlamperei". Hinter dieser stecke nicht kriminelle Absicht, sondern "in einer Welt extremen Wettbewerbs" die Ungeduld, frühzeitig zu glauben, ein Ergebnis zu haben und dieses zu publizieren. (APA, 26.06.2014)

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