"Zwang zur Innovation" für die Medienbranche

26. Juni 2014, 13:03
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Marketingexperte Tan: "Entweder wir verändern uns, oder wir gehen unter" - Journalist Lotter warb für Wiederentdeckung des Selbstbewusstseins - Kralinger pocht auf Leistungsschutzrecht

Wien - Umfassende Marketingaktivitäten, ein wiedergefundenes Selbstbewusstsein der Medienbranche und Forderungen an die Politik: Die 61. Generalversammlung des Verbands Österreichischer Zeitungen (VÖZ) förderte am Donnerstagvormittag aktuelle Themen, bekannte Forderungen sowie unterschiedliche Zugänge zur Medienkrise zutage.

Den ersten Vortragsteil leitete Geoff Tan, zuständig für das strategische Marketing der Singapore Press Holdings, ein. In Jeans und mit schwarzem Rollkragenpulli gab es von ihm nicht nur optisch eine Ehrerbietung an Apple-Vordenker Steve Jobs, auch inhaltlich stand der digitale Wandel im Fokus. "Er ist die einzige Konstante im 21. Jahrhundert", unterstrich Tan, dessen simple Empfehlung lautete: "Entweder wir verändern uns, oder wir gehen unter."

Neue Werbe- und Aboformen

Während man den Werbern als Ansprechpartner für alle Plattformen dienen müsse, gelte es gleichzeitig, die Kunden jederzeit abholen zu können: zuhause, am Arbeitsplatz, unterwegs. "Viele Verleger haben Angst, sich selbst zu kannibalisieren. Aber wenn wir es nicht machen, tut es jemand anderer", meinte Tan in Richtung zaghafter Online-Modelle. Er plädierte für neue, plattformübergreifende Werbe- und Aboformen, die Suche nach neuen Geschäftsmodellen und den Zwang zur Innovation.

Orientierungsfunktion des Journalismus 

Quasi als Gegenentwurf dazu verstand sich im Anschluss "brand eins"-Mitbegründer Wolf Lotter. Der Journalist strich die Komplexität der Gegenwart hervor und meinte, dass die Crowd eben nicht immer Recht habe. "Das scheint aber zur Religion in Zeiten der digitalen Vernetzung des Webs geworden zu sein, eine radikale Weltanschauung." Statt den Kunden im Netz selbst die Arbeit machen zu lassen und dafür auch noch kassieren zu wollen, müsste man sich auf die Orientierungsfunktion und Qualität des Journalismus besinnen.

"Es reicht nicht, Qualität zu normieren und für eine ganze Branche zu definieren. Es wird zunehmend darum gehen, individuelle Deals zu finden", was Lotter als "transzendentale Qualität" bezeichnete. "Wer Kunden nach dem Mund redet und ihnen immer Recht gibt, bestiehlt sie um die eigentliche Leistung. Die Zukunft gehört dem Selbstbewusstsein in unserer Branche, und nicht der Anbiederung."

Notwendigkeit eines Leistungsschutzes

Eingangs bekräftigte VÖZ-Präsident Thomas Kralinger neuerlich die Notwendigkeit eines Leistungsschutzrechts in Österreich. Es sei nicht zu spät, "auf diesen Zug aufzuspringen", verwies er auf bereits vorhandene Umsetzungen in anderen europäischen Ländern. "Faire Bedingungen für Content-Produzenten im Web muss unser aller Anliegen sein und wird sicher einen Schwerpunkt für uns in den kommenden Monaten darstellen." Kritik äußerte Kralinger am "halbherzigen Entwurf" zum Informationsfreiheitsgesetz, der keineswegs der Forderung nach "mehr Transparenz und einer Abschaffung des Amtsgeheimnis" entsprechen würde. (APA, 26.06.2014)

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