Ein gewiss nicht zahnloser Torjäger

25. Juni 2014, 19:33
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Luis Suárez empört die Sportwelt, begeistert aber Uruguay

Es ist noch keine Woche her, da war Luis Alberto Suárez Díaz noch "El Pistolero" und nach seinen beiden Treffern gegen die Three Lions (2:1) überall außerhalb Englands ein gefeierter Torjäger. Seit Dienstag ist der Uruguayer nach seiner Beißattacke gegen den Italiener Giorgio Chiellini nur noch als "Kannibale" geächtet.

Dabei soll doch alles nicht so wild gewesen sein: "Ich bin mit seiner Schulter zusammengeprallt", rechtfertigte sich Suárez. Und: "Ich habe auch einen Schlag aufs Auge bekommen." Dinge, die auf dem Platz eben so passieren. Chiellini, der nach dem Zusammenprall dem Referee entrüstet seine gerötete Schulter samt klar erkennbarer Bissabdrücke des "Vampirs von Natal" präsentierte, sah das naturgemäß anders.

Die ungeahndete Attacke von Suárez wirbelte in der Sportwelt Diskussionen auf, die es seit 1997 nicht mehr gegeben hat: Damals hatte Ex-Boxweltmeister Mike Tyson während eines Kampfes Teile des rechten Ohrs von Ex-Boxweltmeister Evander Holyfield abgebissen. Menschenbisse sind laut Experten gefährlicher und mit höheren Infektionsraten verbunden als die vieler Tiere. Sportpsychologen würden das Beißverhalten eher Kleinkindern zuschreiben.

2010 und 2013 hat Suárez bereits auf dem Spielfeld zugebissen, der 27-Jährige wurde für sieben und dann für zehn Spiele gesperrt. Bei der WM in Brasilien droht ihm eine noch drastischere Strafe.

Für Aufsehen sorgte der am 24. Jänner 1987 in Salto im Nordwesten Uruguays Geborene, der vierjährig mit dem Kicken begann, aber nicht nur mit seinen Zähnen. Im Nationalteam ist der Goalgetter - er ist verheiratet und zweifacher Familienvater - mit 41 Toren Rekordschütze. Für Liverpool traf er in der verwichenen Saison 31-mal, holte sich die Torjägerkrone und wurde zum besten Spieler der Premier League gewählt.

Den anderen Suárez lernte auch Patrice Evra 2011 kennen: Der dunkelhäutige Spieler von Manchester United soll vom Uruguayer rassistisch beleidigt worden sein - was Suárez bis heute bestreitet. Der Südamerikaner wurde acht Spiele gesperrt, beim nächsten Treffen mit Evra wenig später verweigerte Suárez dem Franzosen den Handshake vor dem Spiel.

Mit dem jüngsten Bissopfer Chiellini wird sich Suárez wohl auch nicht mehr versöhnen. Obwohl, sag niemals nie: In einem hochdotierten TV-Spot hat Tyson Boxkontrahent Holyfield dessen abgebissenes Ohrsegment 2013 "zurückgegeben". (David Krutzler, DER STANDARD, 26.6.2014)

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    foto: ap/matt dunham
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