Bürgerproteste gegen Zerstörung des historischen Wien

26. Juni 2014, 12:26
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Denkmalschutz statt Immobilienspekulation: Anrainer protestieren in Wien gegen die Zerstörung historischer Bauten

Wien - Bis Ende März wurden in der Residenz Zögernitz in der Döblinger Hauptstraße im 19. Bezirk in Wien noch Zimmer vermietet. Nicht mehr hundertprozentig in Schuss, stellten sie etwa für Studenten eine gute Wohnmöglichkeit dar. Der historische Saal kann für Veranstaltungen nach wie vor gebucht werden. Schon Johann Strauß Vater und Sohn waren darin aufgetreten. Zuletzt wurde er unter anderem für Foto-Shootings verwendet. Ein bekannter österreichischer Bierhersteller drehte seinen Fernsehspot in den historischen Räumlichkeiten. Auch Hochzeiten finden in der Residenz Zögernitz statt.

Das Gebäude ist in die Jahre gekommen. Inhaber Hermann Rauter hat deshalb vor, das denkmalgeschützte Haus umzugestalten, wurde im Dezember bekanntgegeben. 23 Millionen Euro sollen investiert werden, und Anliegen des Bundesdenkmalamtes werden berücksichtigt. Der Saal soll erhalten bleiben, im ersten Stock der Residenz ist geplant, ein kleines Hotel zu betreiben. Auf dem dazugehörigen Parkplatz sollen 48 Eigentumswohnungen errichtet werden - inklusive teilweise öffentlicher Tiefgarage.

"Rücksichtsloses Vorgehen"

Vor allem an letzterem Vorhaben stoßen sich viele Anrainer. Um Platz zu machen für den fünfstöckigen Wohnbau, müssen Teile des alten Gebäudes abgerissen werden. Der Neubau verstelle außerdem die Sicht auf die Residenz. Eine Bürgerinitiative sammelte mehr als 1500 Unterschriften. Sprecher Rainer Balduin sagt zum STANDARD: „Wir kritisieren das rücksichtslose Vorgehen.“ Seit Monaten werde man im Kreis geschickt, von einer Magistratsabteilung zur nächsten. Gesetze seien „zahnlos“ und würden so interpretiert, wie es den Verantwortlichen passe.

Auch im Petitionsausschuss ist der Fall gelandet, wurde dann aber an den Bezirk zurückgegeben. Derzeit läuft ein Umwidmungsverfahren. Denn die Stelle, wo der Wohnbau errichtet werden soll, sei kein Bauland, sagt Balduin. Die Projektgegner veranstalten am heutigen Donnerstag einen Marsch vom Casino Zögernitz zum Haus der Begegnung in der Gatterburggasse, um ihrem Protest Ausdruck zu verleihen.

Der Anrainerprotest in Wien-Döbling ist kein Einzelfall. Immer wieder schließen sich Bürger zusammen, die für die Erhaltung historischer Bauten kämpfen. Petitionen werden gestartet und Unterschriften gesammelt.

Im ersten Bezirk wurde im Bauausschuss am Mittwoch über ein Barockhaus in der Schwertgasse verhandelt, das aufgestockt werden soll, Bewohner machten im Vorfeld dagegen mobil (siehe: Streit um Barockhaus in Wiener Innenstadt). Ein Ergebnis war zu Redaktionsschluss noch nicht bekannt.

Erfolgreich im zweiten Bezirk

Durchsetzen konnten sich die Bürger im zweiten Bezirk. In der Taborstraße 81-83 befindet sich ein sogenannter Zwillingsbau aus der Gründerzeit. Er drohte abgerissen zu werden. Die Firma Vestwerk plante die Errichtung hochwertiger Penthouse-Appartements samt Verkaufsfläche und zweigeschoßiger Tiefgarage. Anrainer sahen eine „Zerstörung des Ortsbildes“. Nun ist die Erleichterung groß: Vestwerk verkaufte das Projekt, und der neue Investor nimmt Abstand vom Abriss. Geplant ist jetzt die Errichtung von Studentenwohnungen und einem Kindergarten. (rwh, DER STANDARD, 26.6.2014)

  • Schon Johann Strauß Vater und Sohn sind im Casino Zögernitz aufgetreten.
    foto: residenz zögernitz

    Schon Johann Strauß Vater und Sohn sind im Casino Zögernitz aufgetreten.

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