Was in den Dingen schlummert

25. Juni 2014, 17:48
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Die Galerie Mezzanin widmet Sunah Choi die erste Einzelausstellung in Österreich

Wien – Es sind Magnete, die die Pflastersteine in Position halten. Auch das verbogene Metallrohr und die farbigen Felder aus Papier "schweben" auf dem Bildfeld – einer fast wandfüllenden, drei mal zwei Meter messenden, beinahe asphaltgrauen Stahlplatte. Allein das Wissen um das Verschiebbare, Unfixierte der Komposition sorgt für Spannung. "Man könnte also ...", flüstert das Teufelchen, aber man widersteht. Um diesen Reiz geht es der Künstlerin Sunah Choi: um das Potenzial, das in der Arbeit schläft.

Dieser ruhenden Energie begegnet man auch in den anderen Arbeiten Chois in der Galerie Mezzanin, wie etwa dem mit einem dreidimensionalen Stahlgitter gerahmten Multifunktionsdrucker: Skulptur. Der in Berlin lebenden Künstlerin (geb. 1968 in Korea), die in den 1990er-Jahren an der Frankfurter Städelschule und der Slade School of Fine Art in London studiert hat, widmet die Galerie nun gleich zwei aufeinanderfolgende Soloausstellungen.

Sie habe erst vor ein paar Tagen so eine riesige Stahlplatte auf der Straße liegen sehen, bestätigt Choi indirekt die Vermutung, Arbeiten wie Rigid Fragility (2014) wären vom Alltag, vom einem wachen Blick auf die Umgebung – ob urbaner oder ländlicher – inspiriert. Allerdings ist es mit dem Entdeckerblick allein nicht getan: Die Fotografien, mit denen die Künstlerin ihre Beobachtungen festhält, definieren erst den Bildausschnitt. Dieses Prozedere dokumentieren die wunderbaren geometrischen Kompositionen (Index I, Index II), die sie in Mauer- und Pflasterfugen, Lamellen, Kanaldeckeln und Lüftungsrosten findet. Solch abstrahierende Arbeiten scheinen in ästhetischer Verwandtschaft zu Hundertwassers Fotomappe Die Werte der Straße (1952) zu stehen, dessen Stadterkundungen dem Dérive der Situationisten ähnlich sind.

Vom Medium Fotografie ausgehend, sind auch die minimalen Objekte im Hauptraum entwickelt: Sie sind Beobachtungen während eines Aufenthalts im Aosta-Tal geschuldet. Ein regionaler Raum, der sich auch im weiteren Material der Arbeiten niederschlägt: Kletterseile. Dieses von der Wirklichkeit Ab- und Herleitende, macht Charme und Kraft in Sunah Chois aktuellem Werk aus. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 26.6.2014)

Bis 30. 8., Galerie Mezzanin

Getreidemarkt 14, 1010 Wien

www.galeriemezzanin.com

  • Umgeben von minimalen Kompositionen Sunah Chois steht ein Spiegelobjekt mit kaleidoskopartigem Einblick.
    foto: georg petermichl

    Umgeben von minimalen Kompositionen Sunah Chois steht ein Spiegelobjekt mit kaleidoskopartigem Einblick.

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