Caro Turista

Kolumne25. Juni 2014, 17:40
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Der überbordende Tourismus in Venedig ist warnendes Beispiel für viele andere schöne Städte in Europa, inklusive Salzburg und Wien

"Caro Turista, lieber Tourist", schrieb jüngst der venezianische Autor und Denkmalschützer Paolo Lanapoppi, "ich habe persönlich nichts gegen Sie. Aber es gibt einfach zu viele von euch." Seine These: Der überbordende Tourismus, angetrieben von Geldgier und Privatisierungswut der Behörden, macht seine Heimatstadt Venedig kaputt.

Lanapoppi zählt auf, was in den letzten Jahren in Venedig alles schiefgelaufen ist: Die Zahl der Touristen, die die Stadt besuchen, beträgt pro Jahr 30 Millionen, die Zahl der Einheimischen ist dagegen auf weniger als 60.000 gesunken, ein Viertel der Einwohnerzahl in den Sechzigerjahren. Die Venezianer ziehen aufs Festland, weil sie sich die Wohnungen in der Stadt nicht mehr leisten können und weil die Infrastruktur allmählich allein den Bedürfnissen der Besucher gerecht wird. Statt Bäckern, Fleischhauern und Gemüsehändlern gibt es jetzt überall Souvenirgeschäfte. In den letzten fünf, sechs Jahren sind rund hundert historische Palazzi in Luxushotels umgewandelt worden, hat die venezianische Bürgerinitiative Italia Nostra ausgerechnet. Und auch die Zusammensetzung der verbliebenen Bewohner der Serenissima hat sich verändert. Es gibt kaum noch Ärzte, Lehrer, Ingenieure, die meisten Venezianer sind heute Kellner, Andenkenverkäufer, Hotelangestellte. Wenn das so weitergeht, sagt Lanapoppi, ist Venedig in ein paar Jahren tot.

Denn eine Stadt lebt nicht nur von ihren Gebäuden, sondern auch von ihrer Atmosphäre. In Venedig wird der Markusplatz von riesigen Werbeflächen für Markenartikel beherrscht. In Prag sieht man auf dem Altstädter Ring kaum mehr die prachtvolle Architektur, weil alles vollgestopft ist mit Standln, an denen Ramsch verkauft wird. Aber am allermeisten wird die Atmosphäre einer Stadt von ihren Bewohnern geprägt. Sie sind es, die einer Stadt ihr Flair und ihr spezielles Gesicht geben. Wenn der Exodus der Einheimischen beginnt, sollten bei den Verantwortlichen die Alarmglocken schrillen. In den Innenstädten von London und Paris ist dieser Exodus in vollem Gange. Die Mieten und Grundstückspreise sind dermaßen in die Höhe geschnellt, dass Normalverdiener weichen müssen. In München ist ein Sicherheitsproblem im Entstehen, weil Polizisten eine Wohnung in der teuersten Stadt Deutschlands von ihrem Gehalt nicht mehr bezahlen können.

Und in Wien? Auch hier ziehen mehr und mehr Innenstadtbewohner in die Vorstädte, weil die Hausbesitzer lieber um Höchstpreise an reiche Russen und Araber vermieten oder verkaufen wollen. Diese freilich sind kaum da, für sie sind Immobilien im sicheren Österreich vor allem eine Kapitalanlage. Und auch hier schießen die Hotels der oberen Preisklasse wie Pilze aus dem Boden, nicht zuletzt dort, wo einmal öffentliche Gebäude waren. Es ist normal, dass Fremde in schöne Städte kommen, sagen die Verteidiger des Supertourismus. Aber die Einheimischen denken immer öfter, wie Paolo Lanapoppi: Liebe Touristen, es gibt einfach zu viele von euch. Und liebe Stadtverwaltung, wird es nicht allmählich Zeit, aufzupassen, dass Wien nicht den Weg Venedigs geht? (Barbara Coudenhove-Kalergi, DER STANDARD, 26.6.2014)

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