Europas Leid ist Blatters Freud

25. Juni 2014, 17:15
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Die Schwäche des europäischen Fußballs kommt dem Fifa-Präsidenten sehr gelegen

Rio de Janeiro - Titelverteidiger Spanien ist schon zu Hause, der viermalige Weltmeister Italien und England, Mutterland des Fußballs geheißen, sind ebenfalls gescheitert. Europa schwächelt bei der WM, die zur Copa America zu werden droht. Joseph S. Blatter kann das nur recht sein.

Der Schweizer Präsident des Weltverbandes Fifa hat seine Machtbasis in den vergangenen Jahren konsequent außerhalb Europas aufgebaut. Seine Ankündigung, für eine weitere Amtszeit zu kandidieren, hatte nur unter den Europäern für Unmut gesorgt, die restlichen Kontinentalverbände begrüßten den Entschluss des 78-Jährigen zum Teil enthusiastisch. Blatter weiß, woher die Stimmen für seine Wiederwahl kommen werden, er ist bereit, Gegenleistungen zu erbringen. Er wird neuerliche Vorstöße unternehmen, die Anzahl der WM-Teilnehmer vom "alten Kontinent" zu reduzieren und im Gegenzug Asien und vor allem Afrika mit zusätzlichen Plätzen zu beglücken.

Es könne nicht sein, schrieb Blatter im vergangenen Herbst im Fifa-Magazin, dass Europa und Südamerika auf ihrem Status beharren, die Mehrzahl der Teilnehmer zu stellen. Die Globalisierung müsse "endlich ernstgenommen werden" und Afrika und Asien "den Status erhalten, den sie verdient haben". Es gehe um Chancengleichheit.

Minus zwei seit 1998

Dass die afrikanischen, vor allem aber die asiatischen Mannschaften in Brasilien ebenfalls keine Bäume ausreißen, ficht ihn nicht an. Mit seinen Argumenten hat Blatter in seiner Amtszeit die Teilnehmerzahl Europas bereits von 15 in Frankreich 1998, als erstmals 32 Mannschaften dabei waren, auf 14 (2006, 13 plus Gastgeber Deutschland) und schließlich 13 (seit 2010) drücken lassen. Der europäische Fußballverband (Uefa), dessen Boss Michel Platini mit Blatter im offenen Konflikt steht, darf sich bereits auf weiteres Ungemach einstellen.

Kein Wunder, dass Platini auf Blatters Vorstoß mit einem Gegenvorschlag reagierte. Europa müsse sogar noch einen zusätzlichen Platz bekommen, forderte der Franzose - und die WM künftig mit 40 Teams ausgespielt werden. "Das wäre gut für alle", sagte er, und würde "mehr Menschen glücklich machen."

Brasilien liefert Platini keine Argumente. Zwar ist ein rein europäisches Finale wie 2006 und 2010 am 13. Juli möglich. Doch in der Breite schwächelt der mit 54 Mitgliedern nach dem afrikanischen (56) zweitgrößte Kontinentalverband. Gut möglich, dass nur fünf der 13 Teilnehmer ins Achtelfinale kommen - das wäre ein historisches Tief. 2010 waren es sechs, 2006 stolze zehn.

Wieviele europäische Mannschaften 2018 die Endrunde in Russland schmücken, wird auch davon abhängen, wem Blatter für seine Wiederwahl gefällig sein muss. Auf nicht mehr als ein Dutzend samt Gastgeber darf man sich gefasst machen. (sid, red; DER STANDARD, 26.5.2014)

  • Mr. FIFA Sepp Blatter.
    foto: apa/epa/yongrit

    Mr. FIFA Sepp Blatter.

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