"Ihr Europäer seid alle schwul und lesbisch"

Reportage26. Juni 2014, 05:29
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In der abtrünnigen Region Transnistrien steigt seit der Ukraine-Krise die Spannung

Die jungen Männer glauben nicht, dass Transnistrien gleich an Russland angeschlossen wird so wie die Krim. "Das hier wird vielleicht in 20 Jahren Russland sein", meint Dimitri, der 22 Jahre alt ist und ein Jahr in Russland gearbeitet hat. Er und seine vier Freunde wollen alle nach Moskau arbeiten gehen. "In Russland gibt es Jobs und Geld", meint Dimitri. "Und Mädchen", ergänzt er nach ein paar Sekunden. Die Jungs lachen. "Und hier gibt es weder Jobs noch Geld."

Die fünf Männer sitzen vor der Uni in Tiraspol in der abtrünnigen Region Transnistrien und schauen den Mädchen nach, die hier vorbeigehen. Sie sind eigentlich aus der autonomen Region Gagausien in Moldau, aber Moldau ist ihnen egal. "Wir mögen die Moldauer nicht", sagt Michail. Und weshalb? "Weil sie uns nicht mögen", so die knappe Antwort. Die Burschen sind Gagausen, Angehörige eines Turkvolks, das orthodoxen Glaubens ist. Experten warnen davor, dass die Gagausen in dem geopolitischen Konflikt in Osteuropa "ethnisiert" und instrumentalisiert werden könnten.

Und was haltet ihr von der Europäischen Union? "Die mögen wir auch nicht. Ihr seid doch nicht normal!", sagt Dimitri. "Ihr Europäer seid alle schwul und lesbisch. Wir mögen auch Conchita Wurst nicht." Der Mix aus homophober und antieuropäischer Propaganda funktioniert offenbar. "Wir haben alle dafür gestimmt, dass Gagausien an Russland angeschlossen wird", sagt Michail.

Heuer am 2. Februar wurde in Gagausien ein Referendum abgehalten, bei dem 98,9 Prozent für die Unabhängigkeit stimmten. Auch in Transnistrien wurden seit der Ukraine-Krise Kräfte aktiv, die eine Vereinigung mit Russland suchen. Laut Medienberichten haben 186.000 der rund 500.000 Transnistrier für einen Anschluss an Russland unterschrieben. Russlands Vizepremier Dmitri Rogosin wollte die Unterschriften bei seinem Besuch in Tiraspol Anfang Mai mitnehmen, der moldauische Geheimdienst hat sie aber beschlagnahmt.

Im März forderte der Präsident des Obersten Sowjets in Tiraspol, Michail Burla, den Duma-Vorsitzenden Sergej Narischkin auf, ein Gesetz für den Beitritt Transnistriens zu Russland auszuarbeiten. Das Gesetz gibt es aber noch nicht.

Vor einem anderen Unigebäude in Tiraspol sitzen Geologiestudentinnen. "Ah du kommst aus dem Conchita-Wurst-Land", sagen sie und erzählen, dass sie bisher mit ihren Diplomen überall arbeiten konnten: In Moldau, in Russland und in der Ukraine. Ob der Ukraine-Konflikt einen Einfluss haben wird? Die Frauen schweigen. "Du weißt ja, hier ist die russische Armee", sagt eine. Und wie ist das? Schweigen. Die Studentinnen stehen auf und gehen.

Tiraspol ist kein Ort, wo man offen sprechen kann. Die Geheimdienste kontrollieren die NGOs und das Internet. Es gibt wenig Cafés. Die Ampeln haben ein grelles Licht. Unter einem Denkmal verkaufen ältere Frauen, die mit Einkaufswagerln gekommen sind, Hausrat und Strümpfe. Ein Soldat bietet rostige Schraubenschlüssel an. In einer Bar sitzen Männer vor dem Fernseher: Ein Panzer kämpft sich erfolgreich durch den Schlamm. Der Flughafen in Tiraspol wurde ausgebaut, damit Flieger auch in der Nacht landen können, und eine Kaserne wird gerade erweitert. Russland zahlt hier nicht nur Pensionen und das Gas, auch die russische Armee ist seit dem Konflikt 1991 hier stationiert.

"Haben Angst vor dem Krieg"

Nedija und Eugenia, die an der transnistrischen Grenze, aber auf der moldauischen Seite leben, können sich noch genau an den Krieg damals erinnern. Sie fürchten jetzt, dass sie nicht mehr über die Ukraine nach Moskau fahren können, um ihre Kinder, die dort arbeiten, zu besuchen. Die Pensionistinnen sind Fans von "Papa Putin", weil er "Arbeit schafft und für seine Leute sorgt". Überhaupt sei drüben in Transnistrien das Gas und der Strom billiger. "Es weiß nur Gott allein, was passieren wird", meint Nedija. "Wir wollen jedenfalls Frieden, wir haben Angst vor dem Krieg, weil wir wissen, was er bedeutet."(Adelheid Wölfl aus Tiraspol, DER STANDARD, 26.6.2014)

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