Familienverbände und andere Krisenherde

25. Juni 2014, 17:08
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"Framing Reality" zeigt Indie-Filme mit Sundance-Bezug und Fokus auf Lynn Shelton und Barbara Kopple

Wien - Paul (Josh Pais) ist Zahnarzt in Seattle. Seine Praxis geht schlecht. Was zum Beispiel daran liegen könnte, dass er seine Patienten nur ganz schüchtern anfasst. Pauls Schwester Abby (Rosemarie DeWitt) ist Massagetherapeutin. Während sie plötzlich eine unerklärliche und für ihren Beruf äußerst hinderliche Phobie gegen jegliche Berührung entwickelt, entdeckt Paul die heilende Kraft seiner Hände. Touchy Feely heißt folgerichtig Lynn Sheltons fünfte Regiearbeit, eine entspannte Komödie, die ihren Protagonisten freundlich-lakonisch durch lebensverändernde Phasen folgt.

Insgesamt sechs Langfilme hat Shelton seit 2006 geschrieben, inszeniert und montiert. Im Gestus von tragikomischen short stories widmen sich die Filmemacherin und ein relativ konstanter Mitarbeiterinnenstab vor und hinter der Kamera zeitgenössischen Lebensentwürfen und Identitäten. Drei dieser Arbeiten sind jetzt in Wien zu sehen: Framing Reality ist der Titel einer neuen, von Barbara Reumüller konzipierten Reihe, die als Rahmen für die Würdigung ansonsten im hiesigen Kinogeschehen vernachlässigter Filme (und ihrer Macherinnen) gedacht ist. Der Auftakt gilt dem 1978 im US-Bundesstaat Utah gegründeten Sundance Festival.

Oscargewinnerin zu Gast

Neben Produktionen, die dort aktuell reüssierten, wird außer Shelton noch eine weitere Filmemacherin speziell hervorgehoben: Die Dokumentarfilmerin und zweifache Oscar-Gewinnerin Barbara Kopple wird auch persönlich in Wien erwartet, wo unter anderem American Dream läuft, mit dem sie 1990 gleich drei Hauptpreise in Sundance abräumte. Der jüngste Film der Regisseurin, die man vor allem mit Harlan County, USA assoziiert, ihrer kraftvollen Begleitung eines Arbeitskampfes in der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre, wird bei Framing Reality seine Österreichpremiere erleben:

Running from Crazy ist ein Filmporträt. Als zentrale Protagonistin fungiert Schauspielerin Mariel Hemingway, Enkelin des Schriftstellers Ernest Hemingway. Die Frage nach dem "Familienerbe" führt ohne große Umschweife ins abgründige Innere des von psychischen Erkrankungen und Abhängigkeiten gezeichneten Clans. Mit Insiderperspektive und unter Einbeziehung privater Dokumente erzählt Kopple dann gänzlich unspekulative, gleichwohl bewegende Lebensgeschichte(n) und beweist einmal mehr ihre große Sensibilität als Dokumentaristin.

Running from Crazy läuft am 1. Juli, eröffnet wird im Filmcasino heute, Donnerstag, mit In A World, Lake Bells schräger Exkursion ins Milieu konkurrierender Synchronsprechprofis. (Isabella Reicher, DER STANDARD, 26.6.2014)

Bis 3. Juli

  • Vielstimmiger Eröffnungsfilm: Lake Bell in ihrem Regiedebüt "In A World" , einer Komödie unter Synchronsprechprofis.
    foto: framing reality

    Vielstimmiger Eröffnungsfilm: Lake Bell in ihrem Regiedebüt "In A World" , einer Komödie unter Synchronsprechprofis.

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