Spanischer Sanierer soll Eurogruppe leiten

25. Juni 2014, 17:18
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Der frühere Aufsichtsrat der Iberientochter von Lehman Brothers, Luis de Guindos, könnte dem Niederländer Jeroen Dijsselbloem nachfolgen

Er gilt in Fachkreisen wie unter Parteikollegen als vorsichtiger, orthodoxer, aber überaus erfahrener Ökonom: Spaniens Wirtschaftsminister Luis de Guindos Jurado von der Partido Popular (PP). Der konservative Politiker dürfte vor dem größten Sprung seiner Karriere stehen: Berichten zufolge soll der 54-Jährige noch diese Woche zum Chef der Eurogruppe und damit zum Nachfolger des Niederländers Jeroen Dijsselbloem ernannt werden.

Durch die Ernennung de Guindos würde ein Spanier wieder eine Top-Position in der EU besetzen, nachdem es Madrid nicht gelungen war, einen Posten in der Führungsebene der Europäischen Zentralbank (EZB) zu ergattern.

"Dass der lange Jahre im Morast der Krise festsitzende spanische Karren nun langsam wieder Fahrt aufnimmt, ist in erster Linie de Guindos Verdienst", betont der Ökonom Santiago Carbó Valverde.

Restrukturierung mitgestaltet

Die Restrukturierung des Bankensystems in Spanien sowie die Rettung des Sektors habe er federführend mitgestaltet: "Für den Job als Eurogruppen-Chef ist er mehr als vorbereitet. Auch von seiner Ideologie her."

So ist der Minister Anhänger der Budgetdisziplin nach deutschem Vorbild. "De Guindos weiß - wie Angela Merkel -, dass man seine Hausaufgaben machen muss", sagt Carbó. In Spanien hat er dies als Wirtschaftsminister unter Beweis gestellt, indem er die rigorosen Einsparungen der Regierung vorantrieb. An einer Massenarbeitslosigkeit von mehr als 25 Prozent und einer stetig steigenden Staatsverschuldung, die fast 100 Prozent der Wirtschaftsleistung erreichte, änderte dies freilich kaum etwas.

Der 1960 in Madrid geborene de Guindos weist eine lange und steile Karriere auf. Nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften am Colegio Universitario de Estudios Financieros verbrachte er etliche Jahre in der Privatwirtschaft und im Staatsdienst. So arbeitete er etwa für den Stromgiganten Endesa, die Sparkasse Banco Mare Nostrum, weiters war er externer Berater der großen Verlagsgruppe Unedisa.

Einflüsterer Aznars

De Guindos diente zudem bereits im Kabinett von Ex-Premier José María Aznar (PP) von 1996 bis 2004 als Wirtschaftsberater; in der zweiten Legislaturperiode war er unter Ex-Wirtschaftsminister Rodrigo Rato zeitweise Staatssekretär. Dies war auch die Phase des rasanten Aufschwungs in Spanien, in der das Fundament für die spätere Immobilienblase und damit die Krise gelegt wurde.

Für PP, die nach den Terroranschlägen 2004 in Madrid eine herbe Wahlniederlage erlitt, schrieb de Guindos das Wahlprogramm. Er war einer der schärfsten Kritiker des Sozialisten José Luis Rodríguez Zapatero, während er dem damaligen Oppositionsführer und heutigen Premier Mariano Rajoy Nachhilfelektionen in Ökonomie erteilte.

Bis zur Ernennung als Wirtschaftsminister Ende 2011 war de Guindos überdies für PriceWaterhouseCoopers und als Aufsichtsrat der Spanien- und Portugaltochter der US-Investmentbank Lehman Brothers tätig - was ihm Kritik seitens der spanischen Linken einbrachte, die in ihm eine "Marionette der Märkte" sieht. Dem Politiker wird auch sein persönliches Nahverhältnis zum Ex-Währungsfonds-Chef und Ex-Bankia-Direktor Rodrigo de Rato vorgeworfen. Rato hat die Bankia mit in Summe rund 22 Milliarden Euro an Verbindlichkeiten in die Notverstaatlichung geführt, was Spanien an den Rand der Staatspleite brachte.

Aus de Guindos Privatleben ist nur wenig bekannt. Außer, dass der praktizierende Katholik und verheiratete Vater zweier Kinder - die ebenfalls als Ökonomen tätig sind - ein guter Tennisspieler und Fan des Arbeiter-Fußballvereins Atlético Madrid ist. (Jan Marot aus Granada, DER STANDARD, 26.6.2014)

  • Mit Luis de Guindos als Eurogruppenchef würde ein Spanier wieder einen der Spitzenposten in der EU bekleiden. Der konservative Politiker war bis jetzt ein Verfechter des strengen Sparkurses in Spanien.
    foto: epa/alvarado

    Mit Luis de Guindos als Eurogruppenchef würde ein Spanier wieder einen der Spitzenposten in der EU bekleiden. Der konservative Politiker war bis jetzt ein Verfechter des strengen Sparkurses in Spanien.

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