Der Biss des Suárez: Alles ein bisschen übertrieben

Kommentar25. Juni 2014, 16:26
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Die Empörung über Luis Suárez schießt über das Ziel hinaus

Der Fußballer Luis Suárez beißt mutmaßlich deshalb Fußballer, weil er aufgestaute Aggressionen irgendwie los werden muss. Das komme normalerweise eher im erotischen Bereich vor, sagt ein Psychologe.

Dass Suárez in einem Akt erotischer Aggression die zugegeben männliche Schulter von Giorgio Chiellini traktiert hat, glaubt der Psychologe allerdings nicht. Eher verhalte es sich wie mit einem Kind, das, von einem Hund gezwickt, diesen herzhaft in den Schwanz beißt. Das war nur eine der zahlreichen Auslassungen zum Vorfall während des Spiels zwischen Uruguay und Italien in Natal, nach dem sich auch noch der letzte Fußballmuffel bemüßigt fühlt, sich mit der WM in Brasilien zu beschäftigen. Herrlich, ein Kannibale, ein Hannibal Lecter in kurzen Hosen!

Dass mit einem Biss zuweilen auch gefährliche Krankheiten übertragen werden - Suárez könnte ja auch tollwütig sein -, ist gewiss auch eine wertvolle Information. Die bisherigen Bissopfer des Torjägers sind allerdings nicht schwer erkrankt, ja sie haben wegen der Attacken nicht ein Fußballspiel versäumt. Allenfalls hat ihr Gottvertrauen gelitten.

Dennoch hat Suárez seinerzeit ordentliche Strafen ausgefasst - einmal sieben, einmal zehn Spiele Sperre. Beißen (und Spucken), das geht wirklich nicht, in diesem Gentlemen-Sport! Hätte Suárez seine damaligen Kontrahenten, in einem Fall auch ein Verteidiger, der dem Stürmer wie Chiellini quasi ausdauernd auf den Zehen stand, ebenso unauffällig gefoult wie gebissen, dafür aber schwer verletzt, er wäre wohl mit wesentlich geringeren Strafen davongekommen.

Es gab einmal Diskussionen darüber, Spieler nach Fouls über die gewöhnlichen Sanktionen hinaus so lange zu sperren, wie deren jeweilige Opfer an den Folgen der Vergehen zu tragen haben. Suárez kann jetzt nach dem Regulativ des Weltverbands eine Sperre bis zu zwei Jahren ausfassen. Sein Zahnabdruck auf Chiellinis Schulter war übrigens schon unmittelbar nach der Attacke eigentlich nicht mehr zu sehen. (Sigi Lützow, derStandard.at, 25.6.2014)

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