Mit der Kamera zwischen Japan und Balkan

Interview25. Juni 2014, 15:19
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Moku Teraoka arbeitete lange Jahre als Bauarbeiter in Tokyo, bevor er seinen Traum als Filmemacher und "professionell Reisender" verwirklichen konnte. In seiner Doku “From Tokyo to Morava River” begleitet er einen Migranten in seine bosnische Heimat.    

“Menschen hier sagen mir häufig: Du bist aber nicht der typische Japaner!“, erzählt mir Moku Teraoka, als wir uns in Ljubljana vor einem Kino unterhalten. Und ja, es stimmt: mit Strohhut, langen Haaren und schlabbrigen Jeans sieht der 43-Jährige wirklich nicht aus wie die japanischen Touristen, die sich an den Wochenenden durch die Innenstadt der slowenischen Hauptstadt führen lassen.

Der Musiker, Filmemacher und „professionell Reisender“ ist in der slowenischen Hauptstadt, um sein Roadmovie „From Tokyo to Morava River“ auf dem heurigen Festival of Migrant Film zu zeigen. Das zum fünften Mal im Vorfeld des internationalen Flüchtlingstages stattfindende Festival versammelt Filme und ihre Macher aus aller Welt, die sich mit den Themen Migration, Asyl und Flucht auseinandersetzen. Für sein Werk hat Moku einen in Norwegen lebenden bosnischen Migranten auf seiner dreimonatigen Reise am Balkan begleitet: per VW-Käfer und Boot durch die ehemaligen jugoslawischen Republiken.

STANDARD: War “From Tokyo to Morava River” der erste Film, den du gemacht hast?

Teroaka: Es war mein erster Independent-Film, zuvor habe ich schon einige Projekte für das japanische Fernsehen gemacht. Von Beruf war ich aber eigentlich Bauarbeiter und habe in Tokio mit mein Geld auf Baustellen verdient.

STANDARD: Und wie bist du dazu gekommen, hauptberuflich als Regisseur zu arbeiten?

Teroaka: Eines Tages habe ich gekündigt, um die Welt zu bereisen: Indien, Nepal, Tibet und Kanada. Auf diesen Reisen hatte ich immer einen kleinen Camcorder dabei, habe erkannt, wie sehr ich Reisen und Filmen mag. So kam mir die Idee, dass man das doch sehr gut verbinden könnte. Ich wollte professioneller Reisender werden und dabei Filme machen, das war mein Ausgangspunkt. Als ich nach den ersten Reisen kein Geld mehr hatte, habe ich durch Zufall in Tokio jemanden aus der Filmbranche kennengelernt, mit dem ich zusammengearbeitet und viel übers Filmemachen gelernt habe. Nach einigen Jahren aber wollte ich wieder Reisen, mein Traum Vollzeit-Reisender zu sein hatte sich seitdem nicht verändert. Ich wusste nicht wirklich wohin und habe eine Woche, nachdem ich beim Fernsehen gekündigt hatte eine Einladung von Bekim auf einen Balkan-Trip bekommen. So ist der Film entstanden.

STANDARD: Erklär das doch bitte etwas genauer: wie bist du dazu gekommen mit Bekim, einem bosnischen Flüchtling, der in Norwegen lebt, auf diese Reise zu gehen?

Teroaka: Bekim hat im Internet gelesen, dass ich gerne hauptberuflich reisen und Filme machen würde. Er hat jemanden gesucht, der ihn begleitet und die Reise in Bildern festhält. Also hat er mir eine Email geschrieben, die mich ansprach und mich neugierig gemacht hat – aber zu der Zeit wusste ich gar nicht mal, wo der Balkan überhaupt ist!

STANDARD: Wie denken Menschen aus Japan über den Balkan?

Teroaka: Die Leute erinnern sich hauptsächlich an den Krieg in den 90ern, damals konnte man im Fernsehen täglich die schrecklichen Bilder sehen. Ich habe damals nicht verstanden, warum genau dort Krieg geführt wird – ich war noch ein Kind zu der Zeit.

STANDARD: Damals kanntest du Bekim nur über das Internet. Was hast du dir von der Reise erwartet?

Teroaka: Ich wusste damals nichts über Kroatien, Bosnien, Serbien.  Gleichzeitig aber hat mich Bekims  Geschichte fasziniert und berührt: Er hat im Krieg seine Heimat verloren und wollte etwas von seiner Vergangenheit wiederfinden – jemand, der dieselbe Einstellung zum Reisen hat wie ich.

STANDARD: In deinem Film geht es auch viel um den Jugoslawien-Krieg, Migration und die Flüchtlingsthematik. Hast du geplant, den Film so anzulegen?

Teroaka: Ich hatte keine Ahnung, was am Ende rauskommen würde. Aber da Bekim der Hauptcharakter des Films ist und er sehr unter den Folgen des Krieges gelitten hat, war es für mich wichtig, dass die Zuschauer über den Krieg Bescheid wissen. Deswegen habe ich viele Interviews mit Leuten geführt, die zur Zeit des Krieges vor Ort waren und sie um ihre Eindrücke gefragt.

STANDARD: Ihr seid viel in kleinen Dörfern herumgereist, dort mit vielen Leuten in Kontakt gewesen. Wie unterscheidet sich die japanische Mentalität zu der am Balkan, hast du eine Art Kulturschock erlebt?

Teroaka: Nein, nicht wirklich, als ich nach Indien gereist bin habe ich einen viel größeren Kulturschock erlebt, am Balkan war es nicht schlimm. Ich habe mich wohlgefühlt hier, weil die Menschen sich nicht verstellen: Wenn du nicht lächeln willst, dann musst du auch nicht. Das ist der Unterschied zu Japan, dort versucht man immer respektvoll zu und in Harmonie mit seinem Gegenüber zu sein. Das bringt zwar weniger Unstimmigkeiten mit sich, dafür kann man sich aber in einer Gruppe nicht so frei ausdrücken und seinen Gefühlen folgen.

STANDARD: Siehst du irgendwelche Parallelen zwischen den Menschen, die während des Jugoslawien-Kriegs flohen und den Menschen, die Fukushima nach Fukushima verlassen mussten?

Teroaka: Vor einem Monat habe ich meinen Film in Fukushima vorgestellt, weil ich das Gefühl hatte, dass es hier eine Art Verbindung gibt. Im Prinzip war es dieselbe Situation: Bekim hat durch den Krieg seine Heimat verloren, die Menschen in Fukushima ihre durch die Explosion im Kraftwerk und den Tsunami. Die Reaktionen auf den Film waren sehr emotional, viele Leute haben geweint; besonders die, die wegen der Strahlung nicht mehr in ihre Häuser zurückkehren können.

STANDARD: Was bedeutet dir die Reaktion des Publikums als Filmemacher?

Teroaka: Die Vorstellung in Fukushima war einer der bewegendsten Momente, die ich im Zusammenhang mit meinem Film erlebt habe. Ich sehe keinen Sinn darin, einen Film nur für mich selbst zu machen. Mein Film soll die Leute berühren und ihnen Hoffnung geben.

STANDARD: Welcher war der verrückteste Moment während eurer Reise?

Teroaka: Das war wohl auf dieser Insel in der Donau, wo ehemalige Kämpfer der serbisch-nationalistischen Volksarmee gelebt haben. Anfangs hatte ich Angst zu filmen, wir haben dort eigentlich nur während eines Sturmes Zuflucht gesucht. Es war eine eigenartige Situation, denn diese Leute waren Kriegsverbrecher und würden in Den Haag verurteilt werden.

STANDARD: Diese Soldaten haben im Krieg viele Bosnier getötet, wie war diese Situation für Bekim?

Teroaka: Wir waren zwei Tage auf der Insel, Bekim wollte sie überraschen und nicht sofort wieder abreisen. Auf einer Vorstellung in Bosnien haben uns dann einige Leute vorgeworfen, dass wir mit ihnen doch nur getrunken und gesungen hätten. Aber Bekim meinte: „Was hätten wir denn sonst machen sollen? Wenn wir angefangen hätten über Politik, Geschichte und den Krieg zu reden, dann hätten wir doch nur gestritten!“

STANDARD: Als „professionell-Reisender“: Was ist für dich das Beste am Reisen?

Teroaka: Neue Kulturen entdecken, neue Sichtweisen. Japan ist eine Insel, da sieht man normalerweise nicht sehr viele verschiedene Kulturen. Wenn man nach Japan kommt, dann ist das eine sehr einzigartige Kultur. Wenn man aber dort lebt, dann ist es normal. Ich habe also viel über Japan gelernt  und meinen Blick auf das Land verändert, indem ich im Ausland herumgereist bin. (derStandard.at, 25.6.2014)

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