Wanzen: Feinde aus fremden Betten

25. Juni 2014, 12:05
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Reisesouvenirs, auf die jeder lieber verzichten würde: Wanzen leben zunehmend in Hotelzimmern und beißen gerne morgens zu

Der Angriff erfolgt kurz vor Tagesanbruch. Die Menschen schlafen noch, bei den winzigen Mitbewohnern ihres Schlafzimmers regt sich dann der Appetit. Sie kommen aus ihren Löchern. Am nächsten Morgen tragen die Opfer der Attacke kleine juckende Pusteln auf der Haut. Cimex lectularius hat zugeschlagen.

Die im deutschen Sprachraum besser als Bettwanzen bekannten Parasiten sind schon seit Jahrtausenden auf menschliche Wirte spezialisiert und suchten bereits die alten Ägypter heim. Auch in Europa waren die blutsaugenden Insekten bis Mitte des 20. Jahrhunderts weit verbreitet.

Veraltete Schädlingsbekämpfung

Die nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzende Schädlingsbekämpfung, vor allem unter Verwendung von DDT, führte zu einem starken Rückgang ihres Auftretens. DDT ist ein Kontaktinsektizid, welches bis zu sieben Jahre nach dem Ausbringen noch wirksam ist und früher unter anderem regelmäßig gegen Küchenschaben gesprüht wurde.

Dabei hat man die Bettwanzen gleich mitbekämpft, erklärt die Schädlingsexpertin Iphigenie Jäger von der Firma ESOL, die auf Insektenbekämpfung spezialisiert ist. Die sechsbeinigen Vampire verschwanden aus den Wohnungen, und allmählich auch aus der öffentlichen Wahrnehmung.

Inzwischen hat sich das Blatt jedoch gewendet. Cimex lectularius ist weltweit wieder auf dem Vormarsch, auch in Österreich lässt sich seit etwa 15 Jahren eine deutliche Zunahme des Befalls beobachten, wie Iphigenie Jäger berichtet. "Es ist kein Hygieneproblem", sagt die Fachfrau. Man bekomme Bettwanzen quasi so, wie man sich mit einem Schnupfen ansteckt. Vor allem auf Reisen. Hotelzimmer können für die Parasiten regelrechte Transithallen sein.

Gefährliche Bettnähe

Jäger empfiehlt, das Gepäck nicht an den Wänden abzustellen und keine Kleidung in die Schränke zu räumen. Persönliche Gegenstände sollten vor allem nicht in Bettnähe abgelegt werden. "Sie können auch ins Mobiltelefon oder ins Portemonnaie hineinkriechen."

Ob ein Raum von Bettwanzen befallen ist, lässt sich vor allem an den Kotspuren der Tiere erkennen. Die Insekten halten sich tagsüber gerne in Ritzen und Spalten auf, dementsprechend sind die typischen dunkelbraunen Flecken oft an Fenstergarnischen, unter der Matratze und in den Ecken des Bettkastens zu finden.

Hinter Spiegeln oder Bildern über dem Bett sollte ebenfalls nachgeschaut werden. Manchmal trifft man die bis zu acht Millimeter langen Blutsauger dabei auch selbst an.

Blinde Passagiere

Wer bei der Heimkehr befürchtet, ein paar blinde Passagiere in seinem Gepäck mitzuführen, kann seine Wäsche in wasserlöslichen Spezialsäcken lagern. Anschließend bei mindestens 60 °C waschen. Koffer und dergleichen sind bei Befallsverdacht in luftdichte Plastikhüllen zu packen und mit einem Insektizid einzusprühen.

Der Reisende selbst braucht sich keiner Behandlung zu unterziehen. "Normalerweise trägt man keine Wanzen am Körper", betont Iphigenie Jäger.

Falls sich Cimex lectularius dennoch in die eigene Wohnung eingeschlichen hat, ist es Zeit für den Kammerjäger. Bettwanzenbekämpfung ist Expertensache. Der unsachgemäße Einsatz von Insektiziden kann dazu führen, dass ein Teil der Population überlebt und eine Resistenz gegen den verwendeten Giftstoff entwickelt. Mit üblen Folgen. Die Unempfindlichkeit gegenüber Bekämpfungsmitteln wie Pyrethroiden dürfte einer der Gründe für die erneute Ausbreitung von Bettwanzen sein.

Lokal und global

Die erhöhte Reisetätigkeit von Menschen rund um den Globus ist ein weiterer Faktor, ebenso wie der weltweite Warentransport. Bettwanzen werden oft auch mit Möbelstücken eingeschleppt. Neuen genetischen Untersuchungen zufolge reicht tatsächlich ein einziges befruchtetes Weibchen aus, um eine ganze Population zu gründen.

Fachleute greifen bei der Bekämpfung von Bettwanzen nicht unbedingt zur Giftspritze. Das Aufheizen befallener Räume auf Temperaturen von 50 bis 60 °C kann die Parasiten zuverlässig abtöten. Allerdings wirkt diese Methode nicht immer gut in die Wände hinein, erklärt Jäger. Die Tiere verkriechen sich gerne in Steckdosen.

In solchen Fällen ist eine Kältebehandlung mit Trockeneis-Spritzpistolen oder das Versprühen von heißem Dampf sinnvoll. Aushungern lässt sich Cimex lectularius indes kaum. Sowohl die Larven, Nymphen genannt, wie auch erwachsene Bettwanzen können monatelang ohne Nahrung überleben. Je kühler die Umgebung, desto länger. Nur Frost vertragen die Parasiten nicht.

Keine Gesundheitsgefahr

Wissenschafter haben sich regelmäßig gefragt, ob Bettwanzen Krankheiten übertragen. Unter Laborbedingungen kann man die Tiere zwar mit diversen humanpathogenen Keimen wie Typhus-Bakterien oder Hepatitis-B-Viren infizieren, doch eine Weitergabe solcher Erreger an Menschen ist noch nie nachgewiesen worden.

Für Biologen ist Cimex lectularius dennoch hochinteressant. Diese und andere Wanzenarten praktizieren eine bizarre Form der Sexualität: die sogenannte traumatische Insemination.

Männliche Bettwanzen verfügen über ein harpunenähnliches Geschlechtsorgan, welches sie zur Befruchtung seitlich in den Hinterleib eines Weibchens rammen. Die Erforschung dieses Verhaltens hat neue Erkenntnisse über ungewöhnliche Fortpflanzungsstrategien gebracht. (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, 24.6.2014)

  • Wanzenbisse jucken, Krankheitserreger werden aber nicht übertragen.
    foto: wikimedia commons

    Wanzenbisse jucken, Krankheitserreger werden aber nicht übertragen.

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