Menschenrechtsgericht stoppt Sterbehilfe für Franzosen

25. Juni 2014, 06:13
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Die Ärzte hatten bereits das Recht, einen Komapatienten sterben zu lassen, wurden aber im letzten Moment daran gehindert

Alle Franzosen kennen Vincent Lambert. Aber gesehen haben sie ihn noch nie. Der 38-jährige Psychiatriehelfer liegt nach einem Autounfall im Jahre 2008 in einem Krankenhaus von Reims. Er ist querschnittgelähmt und im Koma. Künstlich ernährt und beatmet, hat er laut den Ärzten keine Aussicht auf eine Besserung seines Zustands, den seine engsten Angehörigen mit "Vegetieren" umschreiben. Seine Frau Rachel stellt keine Reaktionen mehr fest, wenn sie bei ihm ist. Sie will die medizinischen Apparate, die ihn künstlich am Leben erhalten, abstellen. Das habe ihr Mann früher selbst gewünscht, erklärt sie.

Lamberts Eltern sind jedoch überzeugt, dass ihr Sohn sie hört, dass er Gefühle hat. "Vincent ist kein Gemüse", erklärte seine Mutter Viviane Lambert, eine praktizierende Katholikin, in den Medien. Seit Jahren wird der Kampf zwischen Mutter und Ehefrau öffentlich ausgetragen. Die Familie ist in zwei Lager gespalten: Ein Halbbruder unterstützt die Eltern, ein Neffe Lamberts Frau.

Diskussion um Sterbehilfe

Die Nation ist ebenfalls gespalten. Der Fall Lambert hat die in Frankreich nie gelöste Frage der Sterbehilfe neu lanciert. Das letzte Gesetz aus dem Jahr 2005 untersagt die aktive wie die passive Sterbehilfe; gleichzeitig sucht es Ärzte daran zu hindern, bei unheilbar kranken Patienten ein "unvernünftiges Beharren" an den Tag zu legen. Doch was ist bei solchen menschlichen Tragödien schon vernünftig? Eine nationale Kommission prüft nun eine gesetzliche Neuauflage. Das Pflegepersonal will eher eine Liberalisierung, die Bischofskonferenz lehnt sie aus (Lebens-)Prinzip ab. Die Politiker haben alle eine eigene Meinung zum Fall Lambert, aber ein gesetzlicher Konsens scheint nicht möglich.

Daher liegt der Ball in vergleichbaren Fällen immer häufiger bei der Justiz. Vor allem die Affäre Lambert erhielt Signalcharakter, weil beide Familienparteien die Justiz bemühten. Nach dem jahrelangen Rechtsstreit stand am Dienstag endlich der Entscheid des höchsten Verwaltungsgerichts Frankreichs an. Und die 17 höchsten Richter des Conseil d'Etat fällten für ein Mal ein klares Urteil: Lambert sei bei "minimalem Bewusstsein" und habe "irreversible Hirnverletzungen" erlitten; eine Kommunikation mit ihm sei nie mehr möglich, und die Klinik in Reims könne die lebenserhaltenden Geräte abschalten. Vincent Lambert wäre sanft entschlafen.

Eltern: "Todesurteil"

Auch in vielen unbeteiligten Reaktionen war fast eine Erleichterung zu spüren, dass die Affäre ein "menschenwürdiges Ende" finden konnte, wie der Anwalt von Lamberts Gattin meinte. Umfragen in der Bevölkerung hatten zuvor klare Mehrheiten für diese passive Sterbehilfe ergeben.

Lamberts Eltern sprachen hingegen von einem "Todesurteil". Vorbeugend waren sie schon am Vortag und via Dringlichkeitsverfahren an den Europäischen Menschengerichtshof (EGMR) in Straßburg gelangt. Am Dienstagabend, als die TV-Stationen in Paris bereits das traurige Sterben von Vincent Lambert bekanntgaben, ordnete der EGMR an, der Komapatient solle vorläufig weiterleben, bis in der Sache entschieden sei. Der Gerichtshof will den Fall grundsätzlich prüfen und könnte dabei auch seine Rechtsprechung revidieren. Laut Juristen dürfte das einige Monate in Anspruch nehmen. So lange muss oder darf Vincent Lambert noch leben.

Ein Anwalt der Eltern erklärte, der EGMR habe "die Tränen getrocknet", die der Entscheid des Staatsrats bei der Mutter verursacht habe, und freute sich: "Vincent darf kein Haar gekrümmt werden." Neffe François Lambert meinte kopfschüttelnd, er habe sich wegen gekippter Gerichtsentscheide schon dreimal von seinem Onkel verabschiedet. Man überlege sich nun, Vincent in ein Land zu verlegen, wo die passive Sterbehilfe erlaubt sei. (Stefan Brändle aus Paris, derStandard.at, 25.6.2014)

  • Vincent Lambert ist seit einem Verkehrsunfall querschnittgelähmt.
    foto: epa/photopqr/l'union de reims france out

    Vincent Lambert ist seit einem Verkehrsunfall querschnittgelähmt.

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