Uruguay schickt Italien nach Hause

24. Juni 2014, 20:15
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Italien verabschiedet sich, so wie schon 2010, nach der Vorrunde. Ein Unentschieden hätte genügt, aber Uruguay spielte seinen eng anliegenden Fußball mit ziemlichem Biss und zog damit den Erfindern eleganten Defensivverhaltens den Nerv

Natal – Gemeinhin unterschätzt man – darüber sollte eine sportwissenschaftliche Magister- oder gar Doktorarbeit ausgeschrieben werden –  die ballesterische Macht der Hymnen. Zum Beispiel nur die der Fratelli, wie sie, Schulter an Schulter, schmettern: "Dov’è la vittoria? – Le porga la chioma – Che schiava di Roma – Iddio la creò.“ Und so spielen sie dann meistens auch: Der Herrgott hat den Sieg (eigentlich: die Siegin) als Sklavin Roms erschaffen. Hinten Zumachen, vorne wird der Herrgott schon alles richten.

Am Ende neigt die Sklavin ihr Haupt schon dem Richtigen zu: Rom. Die Geschichte des Catenaccio wäre einmal aus dieser Perspektive zuschreiben. Und umzuschreiben. Denn das hat das Endspiel der Gruppe D – Italien genügte ein Remis, Uruguay hatte zu gewinnen: eine Horrorvorstellung – schon auch gezeigt. Die ballesterische Italianità, der Reißbrett-Festungsbau, hat auch seine Schwächen. Städte sind schon erobert worden, in Wien würde man ein wenig despektierlich sagen: Es sind auch schon Hausherrn gestorben. Italien nach 2010 in Südafrika nun schon zum zweiten Mal in der Vorrunde.

Prandelli nimmt den Hut

"Ich nehme die Verantwortung für das WM-Aus auf mich“, nahm Coach Cesare Prandelli die diesbezügliche Verantwortung nicht auf sich, denn, „wir mussten in Manaus spielen und hatten als einzige Mannschaft in der Gruppe zwei Spiele um 13 Uhr.“ Nach einigen Schreckminuten bot der 56-Jährige, der die Squadra Azzurra seit 2010 betreut, seinen Rücktritt an. Verbandspräsident Giancarlo Abete möchte ihm folgen.

In Natal hatte zuvor ein gewisser Luis Suárez den grimmigen Giorgio Chiellini in die Schulter gebissen, was den italienischen Linksverteidiger wohl weniger schmerzte, als das unmittelbar darauf folgende Tor von Diego Godin (81.). Dass in der 59. Minute Claudio Marchisio mit sehr hartem Rot abdanken musste, tut der Larmoyanz, die ja die Schwester ist der Überheblichkeit, ganz gut.

Marchisios Unglück

Objektiv muss den Brüdern aber leider doch gesagt werden, dass – grosso modo – die Sache schon in Ordnung geht. Zuweilen obsiegt der Wille über das bloße Wollen. Den einzigen Woller der Italiener ließ man vorne hängen und im daraus folgenen Übermut eine Gelbe kassieren, deren Wirken jetzt ohnehin hinfällig ist. Mario Balotelli wäre im Achtelfinale gesperrt gewesen. Sein tut er es nicht. Auch deshalb nicht, weil Edison Cavani das italienische Um und Auf – Andrea Pirlo – in weiten Strecken aus dem Spiel genommen hat.

Pirlo wird sich in Hinkunft ungestört seiner Kellerarbeit widmen können auf dem elterlichen Gut. Gianluigi Buffon, der mehrmals noch hatte zeigen können, was für in Kaliber er noch ist, wird, 36-jährig, auch kein WM-Turnier mehr bestreiten. „Für uns Spieler, für das Team und das Land“, sagt dieser Gigi, "ist das ein sehr trauriger Tag. Wir haben versagt. Wir müssen jetzt diese WM aufarbeiten und uns hinterfragen.“ Und er sagt ausdrücklich "diese WM“ und nicht "diesen Biss“ oder „diesen komischen Ausschluss“ gegen Marchisio: "Ich bin mir nicht sicher, ob die Rote Karte entscheidend war, geholfen hat sie uns definitiv nicht.“

Zuzeln

Die Herren vom La Plata, die Erben zweifacher Weltmeister, fingen am frühen brasilianischen Abend gerade an zu feiern und das Unfassbare – Italien genügt ein Remis, und verliert dennoch – sickern zu lassen. "Es ist unglaublich“, zuzelte bissbedingt der Beißer Suárez, "Die Hitze war brutal. Wir sind cool geblieben, obwohl wir unbedingt ein Tor schießen mussten.“

Zweimal schon hat er zahntechnisch zugeschlagen, für Ajax und für Liverpool. Kein Biss war wichtiger. Denn gleich darauf fiel ja das goldene Tor. Sein Schütze Godin, Verteidiger von Atlético Madrid, schwärmt: "Unser Selbstvertrauen ist beeindruckend. Als ich den Ball kommen sah, wusste ich, dass es ein Tor wird.“  (sid, wei, DER STANDARD, 25.6.2014)

Gruppe D:

Italien - Uruguay 0:1 (0:0)
Natal, Estadio das Dunas, 39.570, SR Rodriguez (MEX).

Tor: 0:1 (81.) Godin

Italien: Buffon - Barzagli, Bonucci, Chiellini - Darmian, Verratti (75. Motta), Pirlo, Marchisio, De Sciglio - Immobile (71. Cassano), Balotelli (46. Parolo)

Uruguay: Muslera - A. Pereira (63. Stuani), Gimenez, Godin, Caceres, A. Gonzalez - Lodeiro (46. M. Pereira), Arevalo Rios, C. Rodriguez (78. Ramirez) - Suarez, Cavani

Rote Karte: Marchisio (59./Foul)

Gelbe Karten: Balotelli, De Sciglio bzw. Arevalo Rios, Muslera

  • Giorgio Chiellini (re) präsentiert seine Bissspuren.
    foto: ap/ hassan ammar

    Giorgio Chiellini (re) präsentiert seine Bissspuren.

  • Übeltäter Luis Suarez hat wohl zu fest zugebissen.
    foto: ap/ hassan ammar

    Übeltäter Luis Suarez hat wohl zu fest zugebissen.

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