Pestizide sind noch viel schädlicher als gedacht 

24. Juni 2014, 20:17
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Forscher sehen ernste Gefahr für die Landwirtschaft

Paris - Breitband-Pestizide, insbesondere die vor rund 20 Jahren eingeführten Neonicotinoide und Fipronil, töten nicht nur massenweise Honigbienen, wie seit längerem bekannt ist. Eine interdisziplinäre Gruppe von insgesamt 29 Forschern hat nun mehr als 800 Einzelstudien zum Thema ausgewertet und kommt zu einem buchstäblich vernichtenden Resümee: Die Pestizide spielen nicht nur eine Schlüsselrolle beim Bienenschwund, sie richten auch erheblichen Schaden bei anderen Insekten. Zudem gefährden sie andere Tiere wie Regenwürmer aber auch Fische und Vögel.

"Wir erleben eine Bedrohung der Produktivität unserer natürlichen und landwirtschaftlichen Umwelt", erklärte der Forscher Jean-Marc Bonmatin vom französischen Forschungsinstitut CNRS. Er ist Mitverfasser der am Dienstag veröffentlichten internationale Studie.

Die Beweise gegen Insektizide mit den Wirkstoffen Fipronil und aus der Gruppe der Neonicotinoide seien ausreichend, um ein Eingreifen der Regulierungsbehörden zu rechtfertigen. Anstatt die Nahrungsmittelproduktion zu schützen und zu unterstützen, bedrohten die chemischen Wirkstoffe Tiere, die für die Bestäubung von Pflanzen und die natürliche Bekämpfung von Schädlingen notwendig seien und die damit "zentral für ein funktionierendes Ökosystem sind", sagte der französische Wissenschafter.

Die genannten Pestizide werden in der Landwirtschaft weiträumig zur Schädlingsbekämpfung eingesetzt. Die Stoffe, die auf das Nervensystem einwirken, schaden aber auch anderen Tieren. Insbesondere werden sie für das besorgniserregende Bienen-Sterben in Europa, Amerika und Asien verantwortlich gemacht.

Würmer, Schmetterlinge, Vögel und Fische ebenso bedroht

Laut der neusten Studie, die im Sommer in mehreren Teilen in der Fachzeitschrift "Environment Science and Pollution Research" veröffentlicht werden soll, werden die Pestiziden von Pflanzen aufgenommen und sickern in Boden und Wasser ein, wo sie auch Würmern, Schmetterlingen, Vögeln und Fischen schaden. Durch den breiten Einsatz der Insektengifte seien ihnen Organismen in "landwirtschaftlichen Böden, Frischwasserressourcen, Feuchtgebieten und Wassersystemen an Ufern und Küsten" "wiederholt und chronisch" ausgesetzt.

"Es ist dringend notwendig, die konventionelle Landwirtschaft aus der Abhängigkeit der chemischen Industrie herauszuführen, um die Ernährung der Weltbevölkerung zu sichern und unsere Lebensräume zu schützen", kommentierte Helmut Burtscher, Global 2000-Umweltchemiker die Studie.

Globaler Marktanteil von 40 Prozent

Die insgesamt 29 Autoren empfehlen den zuständigen Behörden, die Regelungen für die Verwendung von Neonicotinoide und Fipronil weiter zu verschärfen und "Pläne für die erhebliche Reduktion ihres globalen Einsatzes" auszuarbeiten. Die beiden Typen von Pestiziden haben laut den Autoren einen globalen Marktanteil von 40 Prozent mit einem Umsatz von 1,9 Milliarden Euro im Jahr 2011.

Die Autoren werteten für die Studie mit dem Titel "Worldwide Integrated Assessment" im Auftrag eines Beratungsgremiums der Weltnaturschutzunion über einen Zeitraum von vier Jahren rund 800 frühere Studien zum Einsatz von Pestiziden aus.

Für die Interessenvertretung IG Pflanzenschutz kommentierte die Studie als "eine Auslese mehrerer Worst-Case-Szenarios, die größtenteils unter Laborbedingungen zustande gekommen sind", so deren Vorstand Christian Stockmar. Die Publikation könne daher nicht als tragfähiges Argumentarium zur Sicherheit von Pflanzenschutzmitteln unter realistischen Bedingungen gelten. (APA/red, derStandard.at, 24.6.2014)

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