Innerlich rein für die heilige Sünde

24. Juni 2014, 19:25
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Die Sache wird ernst am Donnerstag - Deutschland braucht nur ein Unentschieden. Amerika braucht nur ein Unentschieden. Das wird der härteste Kampf

Deutsche gegen Deutsche.

Man konnte es schon zuletzt am Freitag Abend in einem Berliner Gartenlokal beobachten. Zehn Männer im besten Alter besetzen die Hocker in der ersten Reihe vor drei der hundert Bildschirme, die gerade irgendein WM-Spiel in alle Richtungen ausstrahlen.

Das Spiel läuft noch in den letzten Minuten, während sich die Männer schon darüber streiten, ob es überhaupt Sinn hat, sich am nächsten Tag genau um 17 Uhr zum eigenen Kicken zu treffen, wo doch nicht alle Anwesenden ihr pünktliches Erscheinen zusichern können. Sie debattieren die Frage, als handle es sich um einen Nato-Einsatz in der Ukraine. Einige der Beteiligten verfallen schließlich leicht schwankend in eine Waffenruhe und verabschieden sich mit Abpfiff des Spiels nach Hause, bis sich der Vorletzte aufs Klo entschuldigt und der Letzte sein aus stolzem Trotz gerade noch bestelltes 0,5er Hefeweizen ex trinkt und das Schlachtfeld räumt.

Dann ist es ruhig und leer. Heute ein Patt, morgen ist auf dem Platz. Sie werden alle um 17 Uhr da sein, einer oder zwei vielleicht um 17:03 Uhr. So geht das in Deutschland.

Anders als im weltweiten Volksglauben verankert ist Deutschland kein Land feuriger Fußballfans. Es gibt sie schon, aber es handelt sich doch sichtbar um eine Minderheit. Für die Mehrheit gilt: Fußball ja, aber bitte mit System.

Vor dem Spiel gegen Ghana am Samstag hörte man aus den diversen Männergruppen an den diversen Tischen weniger blinde Anhängerschaft als erstaunlich nüchterne Analysen, die das wirkliche Spiel treffend vorwegnahmen. Obwohl man es ja nie wissen kann, aber auf Durchhänger statt Durchmarsch darf man sich bei der deutschen Mannschaft eigentlich verlassen. Hinreißend immerhin, dass die Burschen noch das 2:2 erkämpften.

Zwei Tatsachen sind im Land deshalb schmerzhaft bekannt und Gegenstand unaufhörlicher intellektueller Bearbeitung.

Erstens dass die deutsche Mannschaft zu berechnendem Verhalten auch in Überschätzung der eigenen Mittel neigt. Darin unterscheidet sie sich kaum von vielen anderen Traditionsmeistern, gerade dramatisch vorgeführt von den Portugiesen.

Zwotens ist es die deutsche Defensivlinie, die sich in den letzten Turnieren seit 2006 zuverlässig in einen Hühnerhaufen verwandelte, wann immer der Gegner den Druck und die Hektik wollte und brauchte. Damit gingen entscheidende Spiele verloren. An den Stürmern lag es nie.

Das ist übrigens das Erbe des überströmenden Klinsmann mit allen guten und schlechten Seiten. Bis 2004 konnte ein Gegner eher in die Klinik kommen als durch die Linien hindurch vor das deutsche Tor, wo ohnehin niemand sehr dringend auf Oliver Kahn treffen wollte.

Die neue Homogene Hybridverteidigung nach Löw 2014 (Innenverteidiger auch außen) scheint die beschriebene Schwäche im Moment zu mildern. Sie blitzt aber manchmal schon wieder auf. Vielleicht sollte der Bundestrainer den Ansatz zu einem Paradoxen Cross-over fortentwickeln (innen nur Außenverteidiger). Doch ist hier nicht der Platz für solche Erörterungen.

Obendrein ist die Sache jetzt ernst. Denn ein Unentschieden im letzten Gruppenspiel käme USA wie Deutschland gleichermaßen zupass, weil dann beide mit Gewissheit weiter wären. Alle anderen Ergebnisse machen den Verlierer abhängig von der parallel laufenden Begegnung zwischen Ghana und Portugal.

So will es die derzeit vollsymmetrische Wertung in der Gruppe, vom schlechten Portugal zum guten Deutschland. Eine solche Tabellenstellung ergibt sich stets, wenn die zwei ersten Spiele beide mit Siegen enden und die zweiten Spiele beide mit Unentschieden.

Die Dichotomische Gruppe könnte in die WM-Geschichte eingehen. Sie schafft jene Versuchung, in der die Guten schlecht handeln, um gut zu bleiben. Wieder könnten die Deutschen die Vorreiter sein wie 1982 bei der Schande von Gijón. Das damalige Geschiebe zwischen Österreich und Deutschland löste die Reform des WM-Spielsystems aus. Die Verbände entschieden sich da gewiss schweren Herzens, die letzten Gruppenspiele nun immer zeitgleich abzuhalten, denn das schadet der Vermarktbarkeit. Zudem kann es manch lähmende Kalkulatorik der Mannschaften verhindern, aber eben nicht jede.

Das Remis ist verlockend, schlimmer, es ist zwingend.

Die Medienwelt wartet bereits auf eine Absprache am Telefon zwischen den Trainern Klinsmann und Löw. Es wäre sicher interessant, sich dieses Gespräch anschließend auf Youtube anzuhören wie Erdogans Anlagestrategie oder Timoschenkos Jagdambitionen.

Es wird jedoch kein Telefonat geben. Die drei bestimmenden Figuren außerhalb des Spielfeldes benötigen keine technischen Hilfsmittel, um sich auszutauschen. Sie sind auf Borg-ähnliche Weise im Geiste verbunden. Oder man kann sie als Zellen einer DFB-Amöbe sehen, die sich manchmal teilt, aber zur Reproduktion immer wieder zusammenfindet.

Berti Vogts war Jürgen Klinsmanns Trainer schon in der deutschen U21-Nationalmannschaft. Zusammen wurden sie 1996 Europameister. Vogts lancierte 2004 beim DFB Klinsmann als neuen Bundestrainer in der Nachfolge von Rudi Völler, um die in eine Sackgasse gelaufene Nationalmannschaft zu retten. Klinsmann wiederum setzte Vogts schon bei der WM 2006 als seinen Berater ein und hatte zudem ja Jogi Löw als Dr. Watson bei sich, der sein Erbe antrat und als Mischwesen Vogts und Klinsmann in sich vereint.

Klinsmann als reine Künstlernatur ging schließlich zurück in sein geliebtes Amerika. Er wurde nochmals Nationaltrainer dort, wo seine lockere Verfassung als Glück verstanden wird. Im März dieses Jahres holte er wieder Berti Vogts als Berater. So kommen Kopf und Bauch und Bein in eins. Der Pilz vereinigt sich, um sich fortzuzeugen.

Prompt verlautete bereits nach dem gestrigen Spiel der USA tief in der Nacht von Jürgen Klinsmann, dass Kalkulieren jetzt nicht in Frage komme und sein Team nicht zum Unentschieden geformt sei, sondern zur Attacke. Klinsmann wäre der einzige aus dem Trio, dem man die Verrücktheit zutrauen könnte, so eine Aussage ernst zu meinen. Aber schon die frühe kategorische Festlegung signalisiert natürlich das Gegenteil. Unter anderem bedeutet sie, dass die USA in jedem Fall eine Runde weiterkommen wollen. Schließlich ist auch dort Fußball dank der WM zu einem schwergewichtigen Zuschauersport geworden. Der Chef der Mannschaft darf nichts machen, was weniger Spiele hervorruft.

Natürlich muss man zugleich vermeiden, dass die Spiele langweilig sind.

Amerika wird daher am kommenden Donnerstag gegen Deutschland mit hinreißendem Geballer bestenfalls leicht vorne liegen. Das kann der deutschen Mannschaft angesichts ihres guten Torverhältnisses nicht zu sehr schaden. Dann wird doch noch das Tor zum Unentschieden fallen, vorzugsweise in der 93. Minute durch Klose. Alternativ wird ein frühes deutsches Tor nach dramatischem Anrennen der Amerikaner zu einem späten Ausgleich führen. Doch wir wollen ja hier nicht über Fußball sprechen.

Der Verlauf der gesellschaftlichen Ereignisse lässt sich ebenso gut vorhersagen.

Am heutigen ersten Tag nach Schaffung der fatalen Ausgangslage wird Deutschland "über es" noch nicht zu sprechen wagen. Das sich anbahnende Fatum-Faktum kann nur beschwiegen, gehaucht oder vernebelt werden.

Dienstag ist der Tag der Erkenntnis. Es gilt, geistig zu sondieren. Es werden offene Mutmaßungen stattfinden, wie weit man ein Remis herstellen kann. Ist es möglich - technisch? Soll man, darf man, muss man? Die Philosophen aus den Ethikratgeber-Spalten werden sich äußern.

Mittwoch wird der Tag der Gier. Ausbruchsartig werden sich die Köpfe eine passende Fabrikation des Ergebnisses wünschen. Wohlig wird man sich der Sünde hingeben, denn schon der Gedanke ist verboten. Im Schlamm werden sie sich und einander die Kleider vom Leib reißen, hin und her.

Am Donnerstag werden sich die Deutschen dieser Sünde schämen und bereuen, so widerwärtige Dinge zugelassen oder sie gar selbst gedacht zu haben. Alle werden alles von sich waschen, um dann Punkt 18 Uhr MESZ mit heiliger Reinheit zum Spiel zu wechseln, das man mit dem hilfreichen, aber nicht schönen Remis rasch abschließen wird, womit diese Sache dann abgehakt ist, und man hofft, dass die anderen nicht zu lange drüber reden werden. Das letzte Hefeweizen auf ex getrunken, dann leicht angewidert und zufrieden nach Hause gehen.

Schließlich ist es nur ein Spiel, im Ernst.

George Legoff (61) ist Soziologe auf Studienaufenthalt in Berlin. Dieser Text wurde zunächst auf derStandard.de veröffentlicht.

  • Einst geeint: Jürgen Klinsmann und Joachim Löw.
    foto: dpa/arne dedert

    Einst geeint: Jürgen Klinsmann und Joachim Löw.

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