Bergbewohner mit Biss

Reportage24. Juni 2014, 19:40
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Im armenischen Hochgebirge leben Giftschlangen, die sich erstaunlich gut an die unwirtliche Lage angepasst haben - Forscher sind den wehrhaften Reptilien auf der Spur

Am südarmenischen Shikahogh-Gebirgszug scheint die Geschichte spurlos vorbeigegangen zu sein. Zumindest auf den ersten Blick. Ein kühler Nordwestwind zieht über die Hänge und lässt das Gras wogen, während am Himmel ein Bussard seine Kreise zieht. Bunte Blumenpracht schmückt die Wiesen. Aber dies ist keine unberührte Wildnis.

Wer etwas genauer hinschaut, entdeckt schnell Spuren menschlichen Wirkens: Grundmauern, Zaunreste sowie verstreut herumliegende Wellplatten, die einst als Dächer dienten. Es sind die Überbleibsel einer ehemaligen Sommeralm aserbaidschanischer Hirten, erklärt Alexander Malkhasyan, Wildtierexperte der Naturschutzorganisation WWF Armenien. Infolge des Karabach-Kriegs wurden die Hütten aufgegeben, und die Grenzen sind seitdem geschlossen. 2006 erklärte die armenische Regierung das Shikahogh-Gebiet zum Staatsreservat. Die Natur hat hier wieder freie Hand.

Die Ruinen haben inzwischen neue Bewohner bekommen. Malkhasyan und sein deutscher Kollege Aurel Heidelberg drehen die Bruchstücke von Dachplatten um und schauen darunter nach. Schon bald werden sie fündig. Eine große graue Schlange liegt zusammengerollt auf dem Boden.

Macrovipera lebetina, meint Heidelberg, zu Deutsch Levanteotter. Man muss sich in Acht nehmen, denn das Reptil ist überaus wehrhaft. Heute droht allerdings wenig Gefahr. Die kalte Witterung hat die Schlange träge gemacht. Malkhasyan kann das Tier problemlos mithilfe eines Stocks einfangen. Der Wissenschafter drückt die Kiefer der Otter vorsichtig auseinander, wodurch die beeindruckend großen Giftzähne zum Vorschein kommen. Nähere Bekanntschaft unerwünscht.

Schrumpfende Populationen

Die Levanteotter ist nur eine von insgesamt fünf verschiedenen Schlangenspezies, die in den Höhenlagen dieser Region vorkommen. Eine erstaunliche Vielfalt für ein solches eher raues Habitat. Vermutlich wird die Koexistenz der unterschiedlichen Arten durch das gute Nahrungsangebot - zahlreiche Kleinsäuger - begünstigt, sagt Jeff Ettling im Gespräch mit dem Standard. Der am Saint Louis Zoo tätige US-Biologe befasst sich bereits seit zehn Jahren mit der Erforschung der westasiatischen Schlangenfauna.

Seine besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der Armenischen Bergotter, Montivipera raddei. Die Bestände dieser Art sind in den vergangenen Jahrzehnten bedenklich geschrumpft. "Ihre Verbreitung ist von sich aus schon ziemlich punktuell", betont Ettling. Einzelne isolierte Populationen können deshalb leicht erlöschen, wenn der Lebensraum durch menschliche Aktivität zu stark verändert wird. Abgesehen davon werden die Ottern oft gezielt eingefangen und als Terrarientiere verkauft. Diese Praxis hat vor allem in der Osttürkei starke Auswirkungen gehabt.

Langes Höhlenleben

An sich jedoch gilt die Armenische Bergotter als relativ anpassungsfähige Spezies. Man findet sie sowohl in lichten Wäldern wie auch in Gebirgshalbwüsten oder offenen Graslandschaften oberhalb der Baumgrenze bis in Höhen von etwa 2400 Metern - wie im Shikahogh eben. Die hier lebenden Armenischen Bergottern kommen normalerweise erst im Juni aus dem Winterschlaf und sind nur bis Ende September aktiv, berichtet Ettling. Den Rest des Jahres verbringen die Schlangen gemeinsam in Höhlen. Macrovipera lebetina verlässt ihr Winterquartier ein paar Wochen früher und widmet sich dann auch sofort der Fortpflanzung.

Um die Lebensweise der Ottern genauer untersuchen zu können, hat Ettling einigen von ihnen kleine Peilsender eingepflanzt. So lassen sich die Bewegungsmuster der Tiere in der Landschaft verfolgen. Die bisherigen Studienergebnisse haben einige interessante Details ans Licht gebracht. Im Shikahogh-Reservat zum Beispiel beträgt der durchschnittliche Aktionsradius einer Montivipera raddei nur fünf Hektar, während sich diese Schlangen in der landwirtschaftlich geprägten Kotyak-Region nordöstlich der armenischen Hauptstadt Yerevan in Arealen von 25 Hektar bewegen.

Auch dies ist eine Frage des Nahrungsangebots, meint Ettling. In der stadtnahen Provinz leben viel weniger Nager, die Ottern müssen sich wahrscheinlich auch mit Insekten als Beute begnügen. Die Reptilien meiden zudem Ackerflächen und halten sich im Kotyak-Gebiet bevorzugt in steinigem Steppengelände auf. Dort finden sie vermutlich mehr Deckung.

Konkurrenzkampf

Die Schlangen des Shikahogh-Gebirges machen hauptsächlich Jagd auf Feldmäuse (Microtus arvalis) und Ural-Waldmäuse (Apodemus uralensis). Doch wie können die deutlich kleineren Bergottern im Konkurrenzkampf mit den Levanteottern oder den ebenfalls in den Höhenlagen vorkommenden Roten Springnattern (Dolichophis schmidti) bestehen?

Bei Letzteren wurde sogar beobachtet, dass sie Ottern überwältigen und fressen können. Die geringere Körpergröße ist für die Armenische Bergotter vermutlich von Nutzen, meint Ettling. Die Tiere benötigen wahrscheinlich weniger Futter. "Und sie kommen viel besser mit der Kälte klar." Im Shikahogh-Reservat sind die Vertreter der Armenischen Bergotter besonders dunkel gefärbt, berichtet der Biologe. Dadurch können die Kaltblüter beim Sonnenbaden ihre Körpertemperatur schneller und effizienter erhöhen.

Für die beiden Otter-Spezies bietet zudem der Einsatz von Gift erhebliche Vorteile. Die toxischen Substanzen ermöglichen es nicht nur, ein Beutetier ohne großen Kraftaufwand zu töten, sondern sie erleichtern auch gleich die Verdauung. Die Giftstoffe haben eine sogenannte proteolytische Aktivität - sie brechen Eiweißverbindungen auf.

Wie Forscher in der Fachzeitschrift "Applied Herpetology" zeigten, beschleunigt diese Wirkung den Verdauungsprozess - auch bei niedrigen Temperaturen. So wird vermieden, dass die Beute im Magen zu faulen beginnt und das Reptil infolgedessen stirbt, erklärt Ettling. "Dadurch haben sich Ottern in größeren Höhen ansiedeln können als andere Schlangen." (Kurt de Swaaf aus Kapan, DER STANDARD, 25.6.2014)

  • Das südarmenische Shikahogh-Reservat. In dieser rauen Umgebung lebt eine überraschend große Vielfalt an Schlangen.
    foto: kurt de swaaf

    Das südarmenische Shikahogh-Reservat. In dieser rauen Umgebung lebt eine überraschend große Vielfalt an Schlangen.

  • Eine Rote Springnatter sonnt sich auf einem Stein im armenischen Shikahogh-Reservat. Sie ist eine der wenigen Schlangenspezies auf dieser Höhe und überwältigt und verschlingt gern einmal kleinere Ottern.
    foto: kurt de swaaf

    Eine Rote Springnatter sonnt sich auf einem Stein im armenischen Shikahogh-Reservat. Sie ist eine der wenigen Schlangenspezies auf dieser Höhe und überwältigt und verschlingt gern einmal kleinere Ottern.

  • Einer Levanteotter ins Maul geblickt. Die Giftschlange verfügt über beeindruckend lange Giftzähne.
    foto: kurt de swaaf

    Einer Levanteotter ins Maul geblickt. Die Giftschlange verfügt über beeindruckend lange Giftzähne.

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