Mit neuen Augen durchs Multiversum

24. Juni 2014, 17:56
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Das Mak zeigt Kunst und Architektur des kürzlich verstorbenen Hans Hollein

Wien - Christa und Kaspar Ludwig Metek zählten zu den ersten Bauherren Hans Holleins. 1966 beauftragten sie den erst 32-jährigen Shootingstar mit der Planung einer kleinen Modeboutique in der Tegetthoffstraße in der Wiener Innenstadt. Hollein begegnete dem Wollmaterial mit Plastik und entwarf das erste, vollständig aus Kunststoff hergestellte Geschäftsinterieur der Welt.

Schon bald könnte die Boutique CM Geschichte sein. Das denkmalgeschützte Portal ist verbarrikadiert, Teile des Mobiliars wurden in den letzten Wochen auseinandergenommen und an diverse Institutionen verscherbelt. Das eine oder andere Stück sicherte sich auch das Museum für angewandte Kunst (Mak) und gibt diese in der nun eröffneten Ausstellung Hollein neben einer Vielzahl anderer Exponate zum Besten.

Ursprünglich war die von Marlies Wirth und Wilfried Kuehn kuratierte Megaschau als eine Art Geschenk zum 80. Geburtstag Holleins gedacht. Nun ist es die erste große posthume Schau auf das Lebenswerk des im April verstorbenen, einzigen österreichischen Pritzker-Preis-Trägers.

"Hollein war ein Vorläufer der Internetgeneration, er hat Vieles von dem vorweggenommen, was sich später bewahrheiten sollte", erklärte Mak-Direktor Christoph Thun-Hohenstein bei der Pressekonferenz. "Und dafür muss er gewürdigt werden." Nicht zuletzt werde man die Ausstellung zum Anlass nehmen, sich mit Archiv und Nachlass Holleins intensiver auseinanderzusetzen, eine neue Betrachtungsweise auf das von ihm geschaffene, vielfach zitierte "Multiversum" zu richten.

Ein erster Versuch im neuen Blicken auf die Architektur Holleins war der Auftrag, einige der in den letzten Jahrzehnten realisierten Bauten neu zu fotografieren - Gebrauchsspuren und Alterspatina inklusive. Die beiden Fotokünstler Armin Linke (Berlin) und Aglaia Konrad (Brüssel) reisten daraufhin durch ganz Europa und bis Teheran, wo Hollein 1977 das Museum für Glas und Keramik plante - zurück kamen sie mit einem stolzen Pensum der etwas anderen Architekturfotografie.

Statt ästhetisierender, steriler Verfremdung besteht die Ausstellung nun zu einem großen Teil aus großformatigen Fotografien, die nicht davor zurückscheuen, den nicht immer nur schönen Lebensalltag von Architektur einzufangen. Am deutlichsten zeigt sich das in den 1972 errichteten Media-Linien im Olympiadorf München. Das 1,6 Kilometer lange Netzwerk farbig lackierter Kommunikations- und Orientierungsrohre hat schon bessere Zeiten gesehen.

"Manches ist in die Jahre gekommen, und mein Vater hätte es sicherlich lieber etwas anders gesehen", sagt Tochter Lilli Hollein im Gespräch mit dem Standard. "Doch dank der Blickwinkel von Aglaia Konrad und Armin Linke entsteht eine neue, eine ganz andere Kommentarebene." Es ist genau dieser, nicht um Beschönigung bemühte Blick hinter die Kulissen, der die Mak-Ausstellung so sehenswert macht.

Wer ausreichend Zeit mitbringt, der kommt nicht zuletzt dem tiefgründigen, bisweilen sogar sehr frechen Humor des Universalkünstlers auf die Schliche. In einem Raum etwa sind die Architekturpillen Miss Austria, Alpenglühen und Wohnviertel, die SOS-Tablette Einfamilienhaus in ländlicher Umgebung sowie Svobodair, ein 1968 gebrauter Spray zur Umweltveränderung ausgestellt. In einem ORF-Film von 1969 sieht man Hollein mit einem Kommunikationshelm, mit dem er Infos aus aller Welt erhält.

Technologien und Konsumverhalten wurden damit um Jahrzehnte vorweggenommen. Eines der Highlights ist die selten ausgestellte, nur spärlich dokumentierte US-Botschaft in Moskau. Der von Hollein 1973 geplante Stützpunkt inmitten des Kalten Krieges ist ein manifest gewordener Hybrid aus James Bond, David Lynch und Jacques Tati. Einen sehr vielschichtigen, mitunter vollkommen neuen Hans Hollein gilt es zu entdecken. (Wojciech Czaja, DER STANDARD, 25.6.2014)

Bis 5. Oktober

  • Weltweit erstes, vollständig aus Kunststoff hergestelltes Geschäftsinterieur: Christa Metek Boutique, Wien, 1966-1967.
    foto: archiv hans hollein

    Weltweit erstes, vollständig aus Kunststoff hergestelltes Geschäftsinterieur: Christa Metek Boutique, Wien, 1966-1967.

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