Unamerikanische Umtriebe

24. Juni 2014, 17:52
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Der Fußball ist zum wiederholten Mal in den USA angekommen. Die Elf steht für das uramerikanische Erfolgsrezept, Talente, egal woher, einfach an die Arbeit gehen zu lassen.

Es war ein irritierender Anblick neulich auf der McKinley Street, einer stillen Straße im grünen Nordwesten Washingtons. Plötzlich rannten zwei Teenager mit Sternenbannern an den Buchsbaumhecken vorbei. "USA! USA!", skandierte der eine, es erinnerte an die Studenten, die vor dem Weißen Haus jubelten, nachdem die Navy Seals Osama Bin Laden getötet hatten. "Ausgleich! Ausgleich!", rief der andere, was manchen Anwohner der McKinley Street vor Rätsel gestellt haben dürfte - bei weitem nicht jeder hier ist fußballinteressiert. In Manaus hatte Jermaine Jones zum 1:1 gegen Portugal getroffen, plötzlich war spontane Sportbegeisterung zu spüren.

Dabei: USA und Soccer, es ist eine schwierige Geschichte. Kein Politiker hat das polemischer auf den Punkt gebracht als Jack Kemp, ein Republikaner, der nicht nur Kongressabgeordneter und Vizepräsidentschaftskandidat war, sondern auch Quarterback der Buffalo Bills, das heißt, Spielmacher einer American-Football-Mannschaft.

Sozialistischer Soccer

Noch 1986 sprach er davon, wie wichtig es sei, eine klare Trennlinie zu ziehen "für all die Jungs da draußen, die eines Tages hoffen, jenen wahren Fußball zu spielen, wo man den Ball werfen und kicken, mit ihm rennen und ihn in die Hand nehmen kann". Football sei demokratisch, er stehe für Kapitalismus, für individuelle Freiheiten, während Soccer mit all seinen Einschränkungen ein europäischer, sozialistischer Sport sei. "Soccer zu hassen ist noch amerikanischer als Apfelkuchen zu backen, Pick-up zu fahren oder sich samstagnachmittags durchs Programm zu zappen", schrieb vor Jahren Tom Weir, Kolumnist der Zeitung USA Today.

Es gibt Kommentatoren, die das 2014 kaum anders sehen. Für die meisten amerikanischen Kinder sei Soccer etwas, was man sie zu spielen zwinge, bis sie ihren achten Geburtstag feiern, schreibt Alexandra Petri in der Washington Post. "Nein, wir müssen uns die WM nicht anschauen. Es mag der Welt populärster Sport sein. Aber wir sind nicht die Welt. Wir sind Amerika." Übrigens hat auch die Vorstellung, dass sich die Soccer Boys selbst mit einem Unentschieden gegen Deutschland für die nächste Runde qualifizieren, etwas zutiefst Fremdes. Ein Remis ist verpönt in "echten" amerikanischen Sportarten.

Und Jürgen Klinsmann, der musste sich vor dem Turnier bittere Vorwürfe anhören, weil er bezweifelt hatte, dass seine Elf den Titel holen kann. Schon jetzt davon zu reden, den World Cup zu gewinnen, das sei einfach nicht realistisch. "So etwas tun wir nicht hier in Amerika", dies sei eine Nation von Siegertypen, belehrte ihn Gregg Doyel, ein Sportreporter des Fernsehsenders CBS. "Wir entschuldigen uns nicht dafür, dass wir verlieren, bevor das Spiel überhaupt begonnen hat. Und selbst wenn wir nicht gewinnen können, dann sagen wir es verdammt noch mal nicht." Das Intellektuellenmagazin New Yorker gesteht Klinsmann immerhin zu, in Poloshirt und khakifarbenen Hosen am Spielfeldrand eine sehr amerikanische Figur zu machen. Er sehe aus wie ein Vater aus San Francisco, Seattle oder New York, der das Team seiner Tochter betreue, die U12 auf Reisen. Es klang so spöttisch, wie Europäer vielleicht über Baseball reden.

Quotenwunder

Aber womöglich ändert sich gerade etwas. Man merkte es nicht nur auf der McKinley Street. 24 Millionen Zuschauer, so viele wie noch nie in der Fußballgeschichte der Vereinigten Staaten, sahen das Match USA gegen Portugal live im Fernsehen, allein sechs Millionen beim spanischsprachigen Kanal Univision. Im Grant Park im Zentrum Chicagos fieberten zwanzigtausend Fans vor einer Großleinwand mit. Der Sportkabelsender ESPN überträgt sämtliche Spiele, im brasilianischen Studio sitzen ehemalige Könner wie Michael Ballack und Ruud van Nistelrooy. Es hilft, dass die Zeitverschiebung zwischen New York und Rio de Janeiro nur eine Stunde beträgt.

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Klinsmanns Truppe für ein uramerikanisches Erfolgsrezept steht. Die vielen Deutschen in der Mannschaft, so what? Seit 300 Jahren schon lebe man nach dieser Formel, doziert Matthew Futterman, einer der bekanntesten Fußballreporter des Landes. "Wir nehmen Talente von überallher, um sie in unserem Namen an die Arbeit gehen zu lassen." (Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD, 25.6.2014)

  • Soccermania in Houston - wenn Klinsmanns Boys an die  Arbeit gehen, sehen die USA zu.
    foto: apa/ap/warren

    Soccermania in Houston - wenn Klinsmanns Boys an die Arbeit gehen, sehen die USA zu.

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