Rundumschlag statt Tänzchen

24. Juni 2014, 17:35
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Roger Milla übt nach Ausscheiden Kameruns Kritik an Spielern, Verband, Trainer

Brasília - Null Punkte aus drei Spielen, Torverhältnis 1:9. Nach dem blamablen Ausscheiden Kameruns hat Legende Roger Milla zu einem Rundumschlag gegen die verantwortliche ballesterische Abteilung des Landes ausgeholt und einen völligen Neuanfang gefordert. Dazu sollte sich das Land als drastische Maßnahme für einige Jahre aus internationalen Wettbewerben zurückziehen.

"Uns fehlt es nicht an Spielern. Das Problem liegt mehr bei denen, die den Fußball in unserem Land managen", sagte Milla, der Kameruns Staatspräsidenten in Fußballfragen berät sowie als Fußball-Botschafter wirkt. Der deutsche Trainer Volker Finke bekam schon vor Beginn der WM sein Fett ab. "Er ist inkompetent", lautete das Urteil des 62-Jährigen. Dann legte Milla nach: "Ich sehe nicht, dass er der Mannschaft ein Gesicht gegeben hat." Finke habe falsche Entscheidungen bei der Taktik getroffen. "Seit fast zwei Jahrzehnten hat Kamerun keinen internationalen Wettbewerb mehr gewonnen. Die einst gefürchteten unbezähmbaren Löwen regen heute niemanden mehr auf", sagte Milla.

Dabei haben auch die Spieler für Friktionen gesorgt: Mit Rädelsführer Samuel Eto'o an der Spitze wurde der Abflug zur WM nach Brasilien um 24 Stunden verzögert, weil - nicht zum ersten Mal in Kamerun - ein Streit um Geldprämien entbrannt war. Die Abschiedszeremonie schwänzten die Spieler aus Protest.

Milla nahm auch den Verband "Fédération Camerounaise de Football" (Fecafoot) in die Pflicht. Dort würden viele Leute sitzen, die nur an Geld und Einsätzen interessiert seien. Anfang Juli 2013 wurde der vierfache Afrikameister vom Weltverband Fifa für knapp vier Wochen suspendiert - wegen staatlicher Einmischung. Die Teilnahme an der WM-Qualifikation wackelte gehörig. Hintergrund war die Wiederwahl des Verbandspräsidenten Iya Mohammed, der wegen Veruntreuung im Gefängnis sitzt. Die Regierung annullierte diese Entscheidung.

Früher sei Patriotismus die treibende Kraft der Mannschaft gewesen, erzählt Milla, der 1990 bei der WM in Italien mit Kamerun ins Viertelfinale einzog - als erste afrikanische Mannschaft. "Wir waren ein Team von Kriegern", sagte Milla. Den heutigen Spielern mangele es an Disziplin, schimpfte er und schlug vor, sie sollten in Kasernen "wahre Disziplin lernen".

Unvergessen sind Millas zwei Treffer im WM-Achtelfinale 1990 gegen Kolumbien (2:1). Zuvor hatte er in der Gruppenphase auch doppelt gegen Rumänien (2:1) getroffen. Die Tore feierte er jeweils mit einem Makossa-Tänzchen. Bei der WM 1994 in den USA traf er noch einmal - beim 1:6 gegen Russland. Er ist damit ältester WM-Torschütze. (krud, sid, dpa; DER STANDARD, 25.6.2014)


  • Unrund: Roger Milla.
    foto: apa/ap/usta

    Unrund: Roger Milla.

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