Der brasilianische Regenmacher

24. Juni 2014, 17:18
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Neymar dürfte tatsächlich das Sinnesorgan, mit dem man Druck wahrnimmt, fehlen. Gegen Kamerun erzielte er zwei Tore. Mit ihm hat sich auch der Rest der Seleção zumindest leicht gesteigert. Die Chilenen dürfen sich im Achtelfinale aber Hoffnungen machen

Brasília - Die Fans lagen Neymar nach seiner bemerkenswerten Gala mit ungefähr 136 Tricks und zwei Toren zu Füßen, doch dem Superstar der Seleção war so viel Huldigung schon ein wenig peinlich. "Von so einem Tag habe ich immer geträumt", räumte Neymar nach dem 4:1 gegen Kamerun zwar ein, "doch das Wichtigste ist, dass wir als Team unser bestes Spiel bei dem Turnier gemacht haben. Nicht wegen des Resultats, sondern wegen der Art und Weise. Niemand ist wichtiger als der andere." Der bescheidene Auftritt nach seiner Show auf dem Rasen des Estadio Nacional in Brasília stand dem 22-Jährigen zwar gut zu Gesicht, entsprach aber nicht ganz der Wahrheit. Das hatten auch seine Mitspieler erkannt. "Wenn Neymar es auf dem Platz regnen lässt, wundert sich keiner", sagte Verteidiger David Luiz.

Neymar war nicht nur wegen seiner Turniertore drei und vier der überragende Matchwinner des Rekordweltmeisters. Schnell, trickreich, elegant, fast jede gefährliche Situation wurde von ihm initiiert. Bei so viel Kunst kreischten die brasilianischen Anhänger vor Verzückung und feierten ihren Liebling auch nach dessen Auswechslung noch minutenlang mit Sprechchören. "Solche Spieler machen den Unterschied aus", gab auch Nationaltrainer Luiz Felipe Scolari unumwunden zu. Neymar ist der große Hoffnungsträger des Gastgebers auf der Jagd nach dem sechsten Titel, bei der im Achtelfinale am Samstag in Belo Horizonte die starken Chilenen warten. Der kleine Künstler des FC Barcelona ist sich dieser riesigen Last durchaus bewusst, geht damit aber locker um: "Ich habe immer gesagt, dass ich keinen Druck verspüre. Vielleicht fehlt mir das Sinnesorgan, mit dem man Druck wahrnimmt."

Voll des Lobes

Die brasilianischen Medien überschlugen sich mit Lob für Neymar, auch weil die Seleção gegen einen schwachen Gegner wieder nicht restlos überzeugt hatte. "Wir brauchten erneut das ungezügelte Talent Neymars", schrieb die Zeitung Zero Hora, während O Tempo titelte: "Torfestival mit Neymar-Show."

Scolari wollte den Gruppensieg aber nicht allein an Neymar festmachen. Der Coach wies auf die Leistungssteigerung der gesamten Mannschaft hin. "Es gibt ein Sprichwort: Die Natur macht keine Sprünge. Wir entwickeln uns langsam, von Tag zu Tag, von Spiel zu Spiel. Wir haben uns gegenüber dem Mexiko-Spiel wieder gesteigert, und das müssen wir auch gegen Chile tun." Dem nächsten Gegner zollte Scolari Respekt: "Wir dürfen uns nicht viele Fehler erlauben. Chile ist ein großes Team. Sie haben viel Qualität, sind sehr gut organisiert."

Da passt es dem 65-Jährigen gut ins Konzept, dass die öffentlichen Diskussionen um seinen Stoßstürmer Fred vorerst beendet sind. Mit seinem Treffer zum 3:1 sorgte der umstrittene und kritisierte Angreifer für die Entscheidung. Sein emotionaler Jubellauf verdeutlichte, welch Last von ihm abgefallen war. "Meine Ladehemmung und meine Leistungen haben mich schon genervt. Aber heute haben sich alle ein Stück weiterentwickelt, auch ich", sagte Fred. Soll der Titeltraum nicht vorzeitig platzen, ist aber eine weitere Steigerung notwendig. Darüber konnte auch der vierte Treffer durch den eingewechselten Fernandinho nicht hinwegtäuschen. Besonders über die Außenpositionen mit den Defensivleuten Dani Alves und Marcelo waren die Brasilianer verwundbar.

Geheimfavorit Chile wird daraus sicher mehr Kapital schlagen als die punktlosen Kameruner. "Chile wird ein schwerer Gegner, es wird ein intensives Spiel, ein großes Spektakel", glaubt David Luiz. Nur gut, dass Neymar schon seine nächste Gala plant: "Chile ist ein starker Gegner. Aber wir sind auf dem richtigen Weg und unserem Traum wieder ein Stück nähergekommen. Ich bin ganz sicher bereit." (sid, red, DER STANDARD, 25.6.2014)

  • Neymar wurde von den Fans gehuldigt. Ob seine Klasse reicht, um den sechsten Titel einzufahren, wird sich freilich erst weisen. Der 22-Jährige bleibt jedenfalls bescheiden und sagt: "Niemand ist wichtiger als der andere."
    foto: epa/robert ghement

    Neymar wurde von den Fans gehuldigt. Ob seine Klasse reicht, um den sechsten Titel einzufahren, wird sich freilich erst weisen. Der 22-Jährige bleibt jedenfalls bescheiden und sagt: "Niemand ist wichtiger als der andere."

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