Die Zeitlosigkeit der Grausamkeit

24. Juni 2014, 18:05
posten

Erwin Steinhauer liest am Mittwoch im Salzburger Oval aus Karl Kraus' Monumentalwerk "Die letzten Tage der Menschheit". Das Meisterwerk wird zudem musikalisch unterstützend aufbereitet

Salzburg - Schon vor Beginn des Ersten Weltkriegs artikulierte der Wiener Satiriker Karl Kraus seine antimilitaristische Haltung in zahllosen Aufsätzen, die in seiner Zeitschrift Die Fackel erschienen. Diese Texte bildeten die Basis für sein Hauptwerk Die letzten Tage der Menschheit, das noch während des Krieges geschrieben, aber wegen der Zensur erst 1922 in der endgültigen Fassung publiziert wurde.

Ein gigantisches Drama mit mehr als 200 Szenen und über 500 Charakteren. Etwa ein Drittel des Textes montierte Kraus aus Zitaten, die er in Leitartikeln, Zeitungsmeldungen, militärischen Tagesbefehlen, Gerichtsurteilen oder Werbeanzeigen fand, und die in ihrer hohlen Phraseologie den Konnex zwischen Medien, Unterhaltungsindustrie und Propagandaapparat bloßstellen.

Das Monumentalwerk faszinierte große Rezitatoren: Kraus selbst, Helmut Qualtinger und jetzt Erwin Steinhauer entlarven die Dummheit und Grausamkeit der Menschen, die Phrasen und Lügen, die das Grauen des Krieges erst ermöglichen.

Steinhauer wird heute Die letzten Tage der Menschheit in einer szenisch-musikalischen Lesung in Salzburg präsentieren. Nicht nur weil Kraus das Drama für nicht spielbar hielt, gibt es keine Bühnenaufführung des gesamten Textes. Der Wiener Literaturkritiker Franz Schuh - der das Nachwort der Neuedition des Buches verfasst hat - hat aus dem einem "Marstheater" zugedachten Koloss eine übersichtliche Version herausdestilliert.

Wesentlicher Bestandteil von Steinhauers Produktion ist die Musik. Analog zum Originaltext besteht sie aus montierten Versatzstücken von Militär- und Salonmusik, Operette und Heurigenlied sowie abstrakten Klangflächen in der Art eines Filmsoundtracks.

Steinhauer begleiten Georg Graf (Saxofon, Klarinette, Flöte), Joe Pinkl (Tuba, Posaune, Klavier) und Peter Rosmanith (Perkussion, Hang) sowie die US-Amerikanerin mit Wohnsitz Wien Pamelia Kurstin am Theremin. (Gerhard Dorfi, DER STANDARD, 25.6.2014)

25.6., Salzburg, Oval, 19.30

  • Erwin Steinhauer rezitiert in Salzburg Karl Kraus' "Die letzten Tage der Menschheit".
    foto: jan frankl

    Erwin Steinhauer rezitiert in Salzburg Karl Kraus' "Die letzten Tage der Menschheit".

Share if you care.