ORF-Publikumsrat über WM-Studio: "An der Grenze zum Sexismus"

24. Juni 2014, 14:44
403 Postings

Kritik an Ballermann-Inszenierung – Fernsehdirektorin Zechner verwies auf bereits durchgeführte Adaptierungen

Wien – Das WM-Studio des ORF steht in der Kritik. In sozialen Netzwerken und verschiedenen Medien gibt es für die ballermannmäßige Aufbereitung der Fußball-Show bereits seit WM-Beginn heftigen Gegenwind. Nun kommen auch kritische Stimmen aus dem ORF-Publikumsrat. "Scharf an der Grenze zum Sexismus" ortete etwa Eva Blimlinger die Inszenierung mit "Go-go-Tänzerinnen" und war mit dieser Kritik nicht allein.

Die Gestaltung des WM-Studios, der wiederholte Auftritt leicht bekleideter Samba-Tänzerinnen, die Medienkritiker an die Anfänge des deutschen Privatfernsehens oder italienische Showgirl-Einlagen erinnern, Gesangseinlagen abgehalfterter Schlagerstars - diese Mischung sorgte am Dienstag auch im ORF-Publikumsrat für einige Diskussionen. Als Studiogäste waren bis jetzt zum Beispiel die Sänger Costa Cordalis und Semino Rossi oder der Schauspieler Serge Falck dabei. ORF-Fernsehdirektorin Kathrin Zechner verwies auf bereits durchgeführte Adaptierungen.

"Gehopse an der Grenze zur Peinlichkeit"

Publikumsrat Beppo Mauhart betonte als "bekannter Macho", die sportliche Berichterstattung des ORF rund um die WM würde im "krassen Unterschied zum Zwischenprogramm" stehen, wobei er "dieses Gehopse an der Grenze zur Peinlichkeit" sah. "Das ist des ORF nicht würdig, und man kann es sich ganz sicherlich ersparen." Ähnlich argumentierte Willi Mernyi: "Was haben die, die sich das überlegt haben, eigentlich für ein Bild vom Publikum vor dem Fernseher? Gerade die WM ist auch ein Familien-Event."

Zechner: "Zurücknahme der Damen"

"Die Diskussion, wie der Auftritt der Damen im WM-Studio stattfindet, war eine sehr intensive, vor allem nach den ersten Auftritten", erklärte Fernsehdirektorin Zechner dem ORF-Gremium. Eine "Geschmacksdebatte" wollte sie im Publikumsrat zwar nicht führen, betonte allerdings, dass sie "alles, was auch nur in Richtung Sexismus geht", heftig bekämpfen werde. Zudem habe sie bereits in die Gestaltung eingegriffen. Mittlerweile sei es dadurch zu "einer Durchmengung von männlichen und weiblichen Auftritten sowie einer Zurücknahme der Damen" gekommen. Man werde jedenfalls gemeinsam mit ORF-TV-Sportchef Hans Peter Trost weiter daran arbeiten.

ORF: 26 negative Reaktionen beim Kundendienst

ORF-Sportchef Trost selbst reagiert auf die bisher geäußerte Kritik übrigens gelassen. "Ja, sie tanzen Samba im WM-Studio, aber nicht die ganze Nacht", so Trost in einem Gastkommentar für die neue Ausgabe der Programmzeitschrift "tv-media". Dass der ORF mit seinen Künstlerauftritten im WM-Studio billigste Klischees bediene, wies Trost zurück. Die Auftritte dauerten jeweils nur einige wenige Minuten. "Und davor, dazwischen und danach? Vorberichte, Spiele, Analysen. Fakt ist: An die fünf Millionen Seher haben bislang die WM-Spiele verfolgt. Im selben Zeitraum gab es beim Kundendienst 26 negative Reaktionen. Und gute Nacht!"

EU-Themen "auch im Normalbetrieb"

Im Zentrum der ersten Arbeitssitzung des neu zusammengesetzten Publikumsrates stand neben den WM-Aktivitäten des ORF die EU-Wahl-Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen Senders. Während Zechner sowie ORF-Hörfunkdirektor Karl Amon die Eckpunkte des geleisteten Programms zusammenfassten, forderten die Publikumsräte eine stärkere Zuwendung zu EU-Themen "auch im Normalbetrieb" ein, wie es beispielsweise Andreas Kratschmar formulierte. "Mehr nachhaltiges Engagement des ORF ist hier gefragt, auch im Sinne einer europäischen Öffentlichkeit." Die Fernsehdirektorin betonte, dass "das Thema definitiv nicht vom Radar" sei und auch im regulären Programm, etwa den "ZiB"-Ausgaben, stark berücksichtigt werde.

Punkto EU-Wahl-Berichterstattung, bei der man laut ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz "historische Maßstäbe" gesetzt habe, wurde auch eine Umfrage des SORA-Instituts präsentiert. Diese erhob in zwei Wellen – im Februar sowie im Anschluss an die Wahl – den Wissensstand der heimischen Bevölkerung hinsichtlich der Europapolitik sowie deren Mediennutzung. 69 Prozent zeigten sich zufrieden bzw. sehr zufrieden mit der Berichterstattung des ORF, für 70 Prozent handelte es sich um verständliche, sachliche, umfassende und kompetente Informationen, wie Wrabetz darlegte. 54 Prozent der regelmäßigen Nutzer des ORF-Angebots gaben zudem an, sich aufgrund der Berichterstattung besser informiert zu fühlen. Vor der Wahl lag diese Selbsteinschätzung bei 38 Prozent.

Redaktionelle Unabhängigkeit

Der bürgerliche Publikumsrat Andreas Kratschmar sieht in der ORF-Kooperation mit Umweltinitiativen die redaktionelle Unabhängigkeit gefährdet, was Wrabetz auch für "Mutter Erde" zurückweist.

Wrabetz bestätigt Pläne einer Beteiligung an der kostenpflichtigen Abrufplattform Flimmit. Die ORF-Töchter ORS und Enterprise erwerben Minderheitsanteile mit Option auf die Mehrheit. Der ORF wolle eine direkte Kundenbeziehung und beim Abruf von Eigen- und europäischen Produktionen Portale wie Netflix abhängen. "Der verkaufte Download wird das noch ganz gut laufende DVD-Geschäft (zunächst stand hier wegen eines Hörfehlers: TVthek-Geschäft, Anm.) binnen weniger Jahre aufsaugen und ablösen".

Austragungsort für Song Contest soll im Juli stehen

Am Rande gestreift wurde von Fernsehdirektorin Zechner auch der weitere Fahrplan rund um den Song Contest: Noch im Juli wolle man neben Austragungsort und Datum einen Slogan fixieren, im August komme es dann zur Vertragsunterzeichnung zwischen dem ORF und der European Broadcasting Union (EBU). Das Budget werde im Oktober vorgestellt, bevor im Dezember das "Final Theme Art", also das Design für den Eurovision Song Contest 2015 feststehen soll. Die endgültige Teilnehmerliste der Länder sowie der künstlerische Ablauf stehen schließlich im kommenden Jahr an.

Amon kalmiert: Alles nicht so schlimm bei Ö1

Von den Publikumsräten angesprochen wurde auch die jüngst geäußerte Sorge der Ö1-Redakteure angesichts knapper Personalressourcen. "Gott sei Dank sind die Fakten nicht ganz so schlimm, wie sie meine Redakteursvertretung befürchtet hat", meinte Amon dazu. Derzeit habe man, vor allem aufgrund einiger Krankenstände, "in manchen Redaktionen Verbesserungsbedarf, aber nicht in dem Ausmaß, wie befürchtet". (APA, fid, red, 24.6.2014)

  • ORF-Moderator Bernhard Stöhr, flankiert von Samba-Tänzerinnen.
    foto: orf/ramstorfer

    ORF-Moderator Bernhard Stöhr, flankiert von Samba-Tänzerinnen.

Share if you care.