Ab Herbst Tempo 100 auf Tiroler Autobahnen

24. Juni 2014, 19:13
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Ab Herbst 2015 gilt außerdem ein sektorales Fahrverbot für Lkws - Platter: "Regieren bedeutet, auch einmal Federn zu lassen"

Innsbruck - Die "Flachländer" könnten das einfach nicht verstehen, sagt Fritz Gurgiser, Obmann des Transitforums Austria und ehemaliger Landtagsabgeordneter. Der "Dreck" komme aus der engen Gebirgsschneise, in der die Inntalautobahn verläuft, einfach nicht raus. "Da hilft nun nichts anderes, als dass auch die ewiggestrigsten Autofahrer endlich Rücksicht nehmen", sagt er.

Gurgiser reagiert auf ein Luft- und Klimaschutzpaket, das die schwarz-grüne Tiroler Landesregierung am Dienstag vorgestellt hat. Es sieht unter anderem die unpopuläre Maßnahme vor, dass man ab Herbst auf rund zwei Dritteln des Tiroler Autobahnnetzes nicht mehr schneller als 100 km/h fahren darf: auf der Inntalautobahn zwischen Kufstein und Zirl sowie Karrösten und Zams und auf der Brennerautobahn zwischen Innsbruck und Schönberg.

Platter "lässt Federn"

Landeshauptmann Günther Platter hatte sich dagegen lange vehement gewehrt. "Regieren bedeutet, auch da und dort einmal Federn zu lassen", sagt er heute. Die Gesundheit der Menschen dürfe nicht weiter gefährdet werden. Tempo 100 laufe vorerst im einjährigen Probebetrieb: Kommt es zu keiner Verbesserung der Werte, wird die Beschränkung wieder aufgehoben.

Tirol wird seit langem von zahlreichen Experten für seine enorme Schadstoffbelastung kritisiert. "Wir liegen zwischen 60 und 120 Prozent über den von der Europäischen Union vorgegebenen Grenzwerten", sagt Gurgiser. Bis 2020 ist das Bundesland ohnehin gezwungen, die Belastung an Stickstoffoxiden um ein Drittel zu reduzieren - ansonsten müsste die EU ein Vertragsverletzungsverfahren einleiten.

Experten sind uneins

Die ÖVP argumentiert diesbezüglich gerne mit dem Brennerbasistunnel, durch den der Transitverkehr auf der Straße reduziert werden soll - der wird allerdings frühestens 2025 fertig, seine Wirksamkeit wird in mehreren Studien infrage gestellt.

Auch eine Beschränkung auf Tempo 100 ist unter Experten umstritten. Der ÖAMTC befürchtet etwa, dass dadurch die Bundesstraßen stärker belastet würden und Lkw-Fahrer keinen Anreiz mehr hätten, über kostenpflichtige Autobahnen zu fahren. Der Verkehrsklub Österreich begrüßt die Maßnahme hingegen: "Tempo 100 statt 130 verringert den Spritverbrauch und damit auch die CO2-Emissionen, die Schadstoffemissionen, den Verkehrslärm und den Anhalteweg", sagt Christian Gratzer.

Lkws ab 2015 betroffen

Neben der Geschwindigkeitsbeschränkung soll in Tirol ab Herbst 2015 das sogenannte sektorale Fahrverbot wiedereingeführt werden. Das würde bedeuten, dass alle Lastkraftwagen, die nichtverderbliche Güter transportieren - also hauptsächlich Müll und Schrott - auf die Schiene ausweichen müssten. Ein solches Fahrverbot gab es in Tirol bereits. Es wurde aber Ende 2011 vom Europäischen Gerichtshof gekippt, der verlangte, dass zuerst mildere Maßnahmen gesetzt werden - etwa Tempo 100 für Pkws. So kann nun beides kommen.

Die FPÖ bezeichnet das Vorhaben als einen "Kniefall" Platters vor den Grünen. Man lade "alle noch rudimentär vernünftigen Kräfte in der ÖVP ein, zukünftig den Weg mit uns zu gehen".

Weitere Schritte seien notwendig

Gurgiser hält die Maßnahmen zwar für vernünftig, glaubt aber, dass noch weitere Schritte notwendig seien, um die Ziele zu erreichen: etwa eine Beschränkung für Lkws auf Tempo 60 oder 70 und eine Ausdehnung von Tempo 100 auf den gesamten Korridor von Rosenheim bis Verona. Auch müsse es "effiziente Kontrollen und rigorose Strafen" geben: "Sonst fahren die Tiroler brav 100, und die rasenden Narren lachen uns aus." (Katharina Mittelstaedt, DER STANDARD, 25.6.2014)

  • Die ÖVP war gegen Tempo 100, die Grünen drängten hingegen darauf.
    foto: apa/rubra

    Die ÖVP war gegen Tempo 100, die Grünen drängten hingegen darauf.

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