.vin und .wine: Winzer wollen neue Top-Level-Domains verhindern

24. Juni 2014, 12:31
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Grund:  Endungen für Internetadressen könnten eine Fassade für unlautere Anbieter werden

Europäische, kalifornische und australische Winzer wollen verhindern, dass Top-Level-Domains wie .vin und .wine eingeführt werden. Solche Endungen für Internetadressen könnten eine Fassade für unlautere Anbieter werden, die Verbrauchern billigen Fusel als echten Champagner, Brunello di Montalcino oder Sekt aus dem Napa Valley andrehen wollten.

Europäische Winzer haben sogar angedroht, diese Domains zu boykottieren, sollten sie tatsächlich erlaubt werden.

"Wir halten das für global organisierte Erpressung"

Diese Woche schwelt die Debatte in London weiter. Dort treffen sich Internetexperten mit Vertretern von Unternehmen, Regierungen und gemeinnützigen Organisationen auf Einladung der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (Icann). Diese regelt den Internetverkehr und sorgt dafür, dass Nutzer auf genau den Servern und Webseiten landen, zu denen sie wollen.

Icann erteilt Registrierstellen die Lizenzen für sogenannte Domain-Namen, die dann an Webseitenbetreiber weiterverkauft werden. Neben altbewährten Kürzeln wie .com oder .org lässt Icann seit Kurzem auch neuartige neue Domain-Namen wie .london und .ski zu, um den Internetverkehr besser speziellen Diensten zuordnen zu können. Die Debatte um Endungen wie .vin und .wine ist eine Folge dieser Entscheidung.

„Aus 20 Domains werden 1.000. Das schafft Risiken für Marken, Unternehmen und Behörden", sagt etwa Riccardo Ricci Curbastro, Vorsitzender des Branchenverbandes European Federation of Origin Wines. „Wir halten das für global organisierte Erpressung", heißt es in einer Stellungnahme.

Kollegen auf der anderen Seite des Atlantiks pflichten ihm bei. Winzer aus dem kalifornischen Napa Valley sagen, dass solche Domains die Verbraucher verwirren könnten.

„Internetnutzer könnten fälschlicherweise glauben, dass sie echte Produkte mit bestimmten Eigenschaften kaufen, während sie tatsächlich nur Imitationen erhalten", schreibt Linda Reiff, Vorsitzende vom regionalen Branchenverband Napa Valley Vintners, in einem Brief an Icann.

Frankreich sieht seine besten Anbaugebiete in Gefahr

Icann werde trotz der Kritik die neuen Domains wie geplant ausstellen, sagt Stephen D. Crocker, Vorsitzender des Boards von Icann. Allerdings werde er sich gern die Vorbehalte von Regierungen anhören.

Französische Minister haben diesen Monat einen Brief an die Europäische Kommission verfasst, in dem sie erklären, dass einige neue Domains wie .paris zwar gut funktionieren dürften, dass andere wie .hotel hingegen „zahlreiche Probleme" schaffen könnten.

Winzer wollen, dass Webadressen wie champagne.wine nur von Anbietern genutzt werden können, die echte Produkte verkaufen. Alles andere würde das System der geschützten geografischen Angaben untergraben, das im 19. Jahrhundert in Frankreich etabliert wurde. Damit soll der Ruf der besten Anbauregionen der Welt geschützt werden.

Neelie Kroes, EU-Kommissarin für die Digitale Agenda, will das Thema bei den Debatten in dieser Woche ansprechen. „Der Mangel an angemessenen Rechtsmechanismen und vor allem die mangelnde Rechenschaftspflicht zeigen, dass Icann erst reformiert werden muss, bevor die aktuelle Debatte um das weltweite Internetrechtssystem an ein Ende kommen kann", sagt Kroes in einem Brief an Icann, der dem Wall Street Journal vorliegt. „Europäische und weltweite geografische Herkunftsangaben müssen im Internet genauso geschützt werden wie anderswo auch."

Kroes sagt, dass es für legitime Weinhersteller – und später auch für Hersteller anderer Spezialitäten wie Käse oder Schinken – Mechanismen geben müsse, um im Internet ihren Ruf zu schützen.

Streit könnte transatlantische Handelsgespräche beeinträchtigen

Seit einigen Jahren versucht Europa, die Internationalisierung der Steuerung des Internets voranzutreiben. Icann entstand in den Anfangszeiten des Internets. Die Organisation hat ihren Sitz in Kalifornien und erhält von der US-Regierung die Aufgabe, Teile von Internetadressnamen zu verwalten. Im kommenden Jahr soll die Regierung diesen Auftrag erneuern.

Französische Minister finden, dass Icann seine Entscheidungen über neuartige Domains anhand von zu engen technischen Kriterien fällt. Sie wollen, dass solche Beschlüsse nach breiteren Erwägungen getroffen werden.

„Diese Entscheidungen könnten die Gespräche über eine transatlantische Handelspartnerschaft gefährden", warnten Frankreichs Außenminister Laurent Fabius und seine Kollegen im Agrar- und Wirtschaftsministerium bereits. Das Thema der geschützten Herkunftsbezeichnungen ist in den Verhandlungen zwischen den USA und der EU über einen transatlantischen Investitions- und Handelsvertrag ohnehin schon problematisch. (Von FRANCES ROBINSON, WSJ.de/DerStandard.at, 24.6. 2014)

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    foto: apa
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