Vormarsch der Sunni-Extremisten im Irak alarmiert Türkei

Analyse24. Juni 2014, 09:46
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Das Debakel im Irak tritt in der Türkei eine Debatte über die Außenpolitik los

Das Krisenzentrum in Ankara hat gute Nachrichten: 96.924 Stück Kuchen und knapp 11.000 Wasserflaschen nach Sincar geschickt, westlich von Mossul, das nun in der dritten Woche von den Sunni-Extremisten der ISIS (Islamischer Staat in Irak und Syrien) gehalten wird. 1.150 Lebensmittelpakete in Kirkuk an "unsere turkmenischen Brüder" verteilt, weiter südlich im Irak. Doch die Islamistenmiliz schafft am Montag andere Tatsachen. Sie nimmt Tal Afar ein, die überwiegend von Turkmenen bewohnte Stadt, 50 Kilometer westlich von Mossul. Noch ein Rückschlag für Ankara.

Einen Sumpf nannte der türkische Oppositionsführer Kemal Kiliçdaroglu dieser Tage die Lage im Nahen Osten. Die konservativ-religiöse Regierung in Ankara habe mit ihren neo-osmanischen Träumereien und ihrer sunnitischen Fixierung die Nachbarregionen zum Treibsand gemacht: Syrien, Ägypten, Gaza und jetzt auch noch den Irak.

"Beleidigung für alle Muslime"

Rassistisch sei diese Bemerkung, eine Beleidigung für alle Muslime in der Region, tobte der türkische Premier Tayyip Erdogan. Seit dem Fall von Mossul und der Entführung des türkischen Konsuls und 80 anderer Mitarbeiter und Angehöriger wird in der Türkei wieder abgerechnet mit der Außenpolitik der Regierung.

Niemand soll wagen, die Kraft der Türkei herauszufordern, tönte Außenminister Ahmet Davutoglu. Doch die Optionen sind begrenzt: mit der ISIS verhandeln und Hilfspakete an die Zivilbevölkerung im Nordirak verteilen, die vor den Kämpfen flüchtet. Eine Militärintervention scheint ausgeschlossen - ihr Sinn und Umfang wären nicht klar.

Die möglichen Folgen des Vormarschs der ISIS-Milizen sind dagegen auch für die Türkei erheblich: Zerfall des Irak; ein kurdischer Staat und nicht länger nur eine autonome Republik, mit Magnetwirkung auf die Kurden im Südosten der Türkei; Kehrtwende des Westens in der Syrien-Frage, wo Machthaber Bashar al-Assad als die weniger schlechte Alternative zu den Sunni-Extremisten erscheint.

Medien-Blackout angeordnet

Auf Erdogans Wunsch hin hat ein Gericht ein Verbot für die türkischen Medien erlassen, über die "Situation" um Mossul zu berichten; die Verhandlungen mit den Geiselnehmern sollen nicht gefährdet werden. Doch mit jedem weiteren Tag im Nachbarland Irak sieht Erdogan die Möglichkeiten seines Landes schwinden. "Und er kann nicht das Geringste tun", sagt ein Kenner der Regierung.

Die Schar der Kommentatoren in der Türkei ist gespalten. Der eine, regierungsfreundliche Teil versucht den Vormarsch der ISIS als ein abgekartetes Spiel der Amerikaner, Europäer und Israelis darzustellen. Die Regierungskritischen zeichnen das Bild einer seit mehreren Jahren fehlgeleiteten, ja doktrinären türkischen Außenpolitik. So sicher war sich Ankara seines Ansehens und seiner Unantastbarkeit, dass Informationen über einen Angriff auf das Konsulat in Mossul in den Wind geschlagen wurden.

Mehr Vorsicht

Mittlerweile lässt die türkische Regierung evakuieren. Die Mitarbeiter von Enka, dem weltgrößten Baukonzern, hat sie mit einer Maschine aus Bagdad fliegen lassen; selbst das türkische Konsulat in Bengasi in Libyen wurde auf Notbetrieb gesetzt.

Denn die "Fehlerliste" in der Außenpolitik ist lang: Die Auseinandersetzung mit Assad in Damaskus hätte Erdogan kühler und nicht so persönlich führen müssen, heißt es. Die Türkei habe die ISIS und die Nusra-Front in Syrien mit groß gemacht, indem sie Kämpfer über die Grenze ins Nachbarland ließ und lange nicht als Terrorgruppen einstufte. Den irakischen Premier Nuri al-Maliki mahnte Ankara regelmäßig, mit den Sunniten zu kooperieren. Als die Regierung Erdogan dem irakischen Vizepräsidenten Tarik al-Haschemi Exil gewährte, stand sie auch außenpolitisch als Sunni-Garant da. Das macht Ankaras Position im Irak nun besonders heikel. (Markus Bernath aus Istanbul, DER STANDARD, 24.6.2014)

  • Beschränkte Optionen: Der Prototyp des ersten türkischen Kampfhubschraubers nutzt Regierungschef Erdogan in der Irak-Krise wenig. Ankara verhandelt mit den Geiselnehmern des türkischen Konsuls.
    foto: ap

    Beschränkte Optionen: Der Prototyp des ersten türkischen Kampfhubschraubers nutzt Regierungschef Erdogan in der Irak-Krise wenig. Ankara verhandelt mit den Geiselnehmern des türkischen Konsuls.

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