Die Putin-Freunde

Kolumne23. Juni 2014, 17:45
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Trotz miserabler wirtschaftlicher Leistungsbilanz Russlands, finden Putins autokratische Führungsqualitäten Zuspruch im österreichischen Spitzenmanagement

Jeder Vergleich zwischen dem, wenn auch nur für weniger als sieben Stunden geplanten, heutigen Staatsbesuch des russischen Präsidenten Wladimir Putin und der mit hetzerischen Phrasen gespickten "privaten" Wahlwerbung des türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan bei der türkischstämmigen Bevölkerung Österreichs wäre abwegig. Korrekte zwischenstaatliche Beziehungen, vorteilhafter Handelsaustausch und profitable Investitionen (Sotschi!) liegen im eminenten Interesse eines kleinen, neutralen und in der EU fest verankerten Staates.

Unabhängig von Sympathie oder Antipathie im jeweiligen Fall scheinen jedoch beide Politiker die hierzulande laut einer jüngsten Befragung "signifikant" gestiegene Sehnsucht nach dem "starken Mann" zu befriedigen. Im Winter 2014 hätten immerhin 29 Prozent der Befragten in Österreich sehr oder ziemlich der Feststellung zugestimmt: "Man sollte einen starken Führer haben, der sich nicht um Wahlen und Parlament kümmern muss."

Vor diesem Hintergrund muss man auch den mit gewaltigen finanziellen und technologischen Mitteln geführten Propagandakrieg des Kremls vor allem im Internet, in sozialen Netzwerken und auf der diplomatischen Bühne gegen Russlandkritiker betrachten. In den letzten Tagen haben deutsche Medien bedenkliche Einzelheiten über die Dimensionen dieses Apparates veröffentlicht. In der russischen Öffentlichkeit selbst hat Putin indessen mit seinem expansiven Nationalismus die Kampagne bezüglich der Ukraine klar gewonnen.

Man muss jedoch mit aller wünschenswerten Deutlichkeit klarstellen, dass es nicht mehr "nur" um die Wertung der Einverleibung der Krim und die Schürung des Konfliktes in der Ostukraine, sondern überall (auch in Österreich!) um die Deutungshoheit in einer funktionierenden Demokratie geht. Die Bewunderer des autokratischen Herrschers gehen nämlich so weit, dass sie Putin trotz seiner miserablen wirtschaftlichen Leistungsbilanz lautstark als einen Mann loben - "sehr cool, sehr positiv" - mit solcher Führungsqualität, dass er sogar den Euro nachhaltig stabilisieren könnte!

So fordert die frühere rechte Hand des politisch gescheiterten Milliardärs Frank Stronach, der Spitzenmanager Sigfried Wolf, der seit 2010 im Solde eines russischen Oligarchen steht und der Ambitionen auf den Posten des Aufsichtsratspräsidenten der ÖIAG bekundet, "Gerechtigkeit" von den Medien in der Berichterstattung über Russland. In einer ganzen Serie von aufsehenerregenden Interviews lobte der Putin-Freund überschwänglich den Mann im Kreml, von dem er "nur Positives berichten" könne, da es in Russland niemanden gibt, der die Sache besser machen würde. Putin-Verehrer wie Wolf raten der EU sogar, sich "aus dem Kielwasser und Sog Amerikas zu lösen" und zu einer "eigenständigen, vermittelnden Position durchzuringen".

Es ist verblüffend, dass ein von dem direkten und indirekten Wohlwollen der russischen Führung abhängiger Manager das Putin-Regime über den grünen Klee lobt und zugleich den unabhängigen Medien "verzerrte und negative Stereotypen" vorwirft. Mit der Devise einer "sehr, sehr engen Bindung an Russland" will also der als künftiger Chef der Staatsholding gehandelte Mann die Weichen in der österreichischen Wirtschaft stellen. (Paul Lendvai, DER STANDARD, 24.6.2014)

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